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Von RB Leipzig zu Chelsea: Der Werner-Wechsel aus zwei Perspektiven

Loïc Rémy, Diego Costa, Falcao, Michy Batshuayi, Olivier Giroud, Álvaro Morata und Gonzalo Higuaín – für diese Stürmer gab Chelsea seit der Saison 2014/15 190 Millionen Euro aus, mit sehr gemischtem Erfolg.

Erst im letzten Sommer verpflichtete man aufgrund der Transfersperre erstmals seit 2014 keinen neuen Stürmer. Stattdessen spielte sich mit Tammy Abraham ein Talent aus der eigenen Akademie in den Vordergrund. Trotzdem ist Chelsea erneut bereit eine hohe Summe für einen Stürmer – für Timo Werner – hinzulegen.

RB Leipzig ist der größte Talente-Ausbilder Deutschlands. Spieler wie Naby Keïta oder auch Timo Werner werden hier zu überdurchschnittlich guten Fußballern ausgebildet und träumen davon, bei den ganz großen Klubs der Welt zu spielen.

Der über nun schon einige Zeit absehbare Abgang Werners stellt RB nun vor ein Problem. Sie müssen den 24-Jährigen, der für ein Drittel all ihrer Saisontore verantwortlich war, ersetzen.

Hieraus ergeben sich zwei zentrale Fragen: Warum verpflichtet Chelsea Timo Werner? Wie kann RB Leipzig Timo Werner ersetzen? Auf beide Fragen möchte ich in diesem Text gezielt eingehen.

 

Warum verpflichtet Chelsea Timo Werner?

Zunächst muss festgehalten werden, dass die genauen Beweggründe zu einem Transfer von außen nie komplett beurteilt werden können.

Ohne Insider-Infos muss stets zu einem gewissen Grad spekuliert werden, welche Ideen hinter einem Transfer stecken. Das ist aber ein notwendiger Schritt, um analysieren zu können, ob ein Transfer Sinn ergibt oder nicht.

Im Fall Werner und Chelsea lässt sich viel spekulieren. Durch ihn und auch durch den Zugang Hakim Ziyechs von Ajax Amsterdam ergeben sich einige neue taktische Möglichkeiten für den Londoner Verein.


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Dies ist direkt ein enormer Gewinn für Chelsea. Nicht nur erhält man durch Werner und Ziyech zwei Spieler dazu, die über eine sehr hohe Qualität verfügen, sondern wird plötzlich viel flexibler.

Schaut man auf den Kader Chelseas erkennt man bereits jetzt viele Offensivspieler. Da wären Mason Mount, Christian Pulisic, Callum Hudson-Odoi, Willian, Pedro, Tammy Abraham, Olivier Giroud und Michy Batshuayi. Das sieht auf den ersten Blick nicht so aus, als bräuchte man noch zusätzliche Offensivkräfte.

Nun sollte man im modernen Fußball allerdings nicht nur auf Positionsbezeichnungen schauen. Robert Lewandowski, Timo Werner und Romelu Lukaku sind beispielsweise alle Stürmer. Allerdings interpretieren sie ihre Rolle sehr unterschiedlich.

Die Spieleprofile lassen eher eine Aussage darüber zu, welche Spieler(typen) einer Mannschaft noch fehlen als simple Positionsbezeichnungen.


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Bei Chelsea hat man da aktuell einen pressingstarken Mix aus Achter und Zehner (Mount), einen dynamischen (Pulisic) und einen dribbelstarken Flügelspieler (Hudson-Odoi), zwei smarte, alternde kombinationsstarke Außenbahnspieler (Willian und Pedro), einen Stürmer, der auch im Kombinationsspiel glänzt (Abraham), eine weniger dynamische Version davon (Giroud) und einen klassischeren Strafraumstürmer (Batshuayi).

Ziyech und Werner sind keinem dieser Profile zuzuordnen. Ziyech ist ein teils genialer Kreativspieler, zudem ein der Offensive bisher noch fehlende Linksfuß und ein gefährlicher Standard- sowie Distanzschütze.

Werner ist derweil ein Stürmer, der am liebsten die Tiefe attackiert, ein überragendes Tempo mitbringt und sehr effizient vor dem Tor agiert.

Timo Werner Chelsea Analysis

 

Diese beiden Spielerprofile bringen Frank Lampard viele neue taktische Möglichkeiten. Die Spieler um Werner und Ziyech herum werden von diesen profitieren. Werners Tiefenläufe öffnen Räume für andere Spieler, die Ziyech anspielen kann. So etwas fehlte Chelsea bisher.

Lampard kann auf mehr Spieler zurückgreifen. Die Breite des Kaders ist besonders in der Premier League wichtig. Je nach Spiel könnte der 41-Jährige seine Taktik und sein Personal dem Gegner anpassen. Die taktische Flexibilität könnte eine der großen Waffen Chelseas in der kommenden Saison sein.

 

Abraham und Werner vs. Abraham oder Werner

Diese Saison vertraute Frank Lampard zumeist auf ein 4-2-3-1 oder 4-3-3. Beide Systeme haben nur eine Sturmspitze. Chelsea hat kein einziges Spiel mit einer Doppelspitze gestartet. Mit dem neuen Spielermaterial könnte sich dies verändern.

Werner ist aus seiner Zeit bei Leipzig eine Doppelspitze gewohnt. Er kann neben einem anderen Stürmer, der mehr am Kombinationsspiel beteiligt ist, seine Stärken am besten ausspielen. Abraham würde in einer Doppelspitze mit Werner die Rolle eines Poulsen oder Schick übernehmen, für die er sehr gut geeignet wäre.

Abraham könnte sich noch häufiger fallen lassen, als Wandspieler eingesetzt werden, während Werner die Tiefe sucht. Diese gegenläufigen Bewegungen des Doppelsturms können eine gegnerische Abwehr weit auseinanderziehen.

Abraham würde so den Raum für die Tiefenläufe Werners erst öffnen. Als alleiniger Stürmer fehlt diese Option.

Um den Doppelsturm zu ermöglichen, müsste Lampard ein neues System testen. Die sinnvollsten Optionen wären hierbei das 4-4-2 sowie Abwandlungen wie das 4-Raute-2 oder das von Leipzig oft gespielte 4-2-2-2.

Chelsea Tactics
Chelsea im 4-4-2 mit Raute.

Das 4-Raute-2 ist eine spannende Option, da so alle drei herausragenden Mittelfeldspieler – Jorginho, Kanté und Kovačić – spielen könnten. Mit Ruben Loftus-Cheek und Billy Gilmour könnten zudem einige Talente, auf die Lampard gerne setzt, die Achter-Positionen in der Rotation ausfüllen.

In einem klassischeren 4-4-2 würde einer dieser Mittelfeldspieler für einen Flügelspieler weichen müssen. Es geht gar nicht darum, welche Option besser klingt. Entscheidet sich Lampard für einen Doppelsturm, kann man sehr sicher sein, dass beide Varianten zum Einsatz kommen werden. Auch eine Dreierkette wäre denkbar. Die Flexibilität steigt um ein Vielfaches.

Sollte Werner als alleiniger Stürmer eingesetzt werden, würde er vermutlich in einem der aktuell favorisierten Systeme die Rolle Abrahams einnehmen. Besonders gegen defensive Gegner wird er jedoch wenig Platz haben, um seine Stärken auszuspielen.

In Spielen gegen Top-Teams, wenn man eher auf Konter lauert, kann dies aber eine Alternative sein. In Spielen, die man selber dominieren muss, erwarte ich aber die Doppelspitze.

Chelsea tactics
Chelsea im flachen 4-4-2.

Mit Timo Werner erhält Chelsea auf jeden Fall eine weitere hochkarätige Option für das eigene Offensivspiel. Wird er richtig eingesetzt, kann er Frank Lampard dabei helfen, Chelsea wieder ganz oben in der Premier League zu etablieren.

 

Wie kann RB Leipzig Timo Werner ersetzen?

Unter Julian Nagelsmann hat sich Timo Werner nochmal erheblich weiterentwickelt. Er weist aktuell mehr als eine Torbeteiligung pro Spiel auf. Diese Qualität zu ersetzen, wird enorm schwer.

Hinzu kommt, dass mit Matheus Cunha ein möglicher Ersatz im Winter gegangen ist und der im Sommer von zwei missglückten Leihen zurückkommende Jean-Kevin Augustin wohl auch keine Option sein wird.

Um Werner zu ersetzen, habe ich drei verschiedene mögliche Vorgehensweisen herausgearbeitet.

Option A: Nagelsmann gestaltet den Kader nach seinen Wünschen

RB Leipzig steht seit der Vereinsgründung für eine klare Philosophie. Spieler werden vornehmlich verpflichtet, um ausgebildet zu werden. Top-Stars holt man keine. Diese Philosophie könnte sich nun möglicherweise ändern.

Ralf Rangnick wird den Verein möglicherweise in Richtung der AC Milan verlassen. Mit Markus Krösche hat man seit Beginn dieser Saison einen neuen Sportdirektor. Nagelsmann betonte zuletzt, dass er gerne „Führungsspieler“ im Kader hätte. All das könnten Zeichen dafür sein, dass ein Philosophie-Wechsel langsam beginnt.

In seiner ersten Saison übernahm Nagelsmann noch viele Prinzipien des klassischen RB-Spiels. Nach einigen Tests zu Beginn der Saison hielt er am 4-2-2-2 fest. Gegen den Ball veränderte sich das RB-Spiel auch nicht elementar. Nur mit dem Ball war eine klare Entwicklung zu erkennen.


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Nagelsmann hat mal wieder gezeigt, dass er sich sehr gut an die gegebenen Bedingungen in seinem Umfeld anpassen kann. Mit dem Wechsel Werners und möglichen Rochaden in der Führungsetage könnte jetzt aber seine Chance sein, den Kader auch nach seinen Wünschen umzustrukturieren.

Werner verkörperte noch den klassischen RB-Fußball. Er war schnell, konterstark und suchte stets die Tiefe. Im Kombinationsspiel hatte er noch Verbesserungsbedarf. Das ging Nagelsmann zuletzt immer gezielter an. Werner ließ sich immer wieder etwas fallen. Dies könnte der 32-Jährige auch von seinem neuen Stürmer erwarten.

Werner muss nicht stilistisch Eins zu Eins ersetzt werden. Eine Option, die einem sofort durch den Kopf schießt, ist Andrej Kramarić. Als Stürmer hat er ein komplett anderes Spielerprofil als alle anderen RB-Stürmer. Er kennt Nagelsmann zudem und fällt auch eher in die Kategorie Führungsspieler.

Ob es tatsächlich den Philosophie-Wechsel gibt, bleibt abzuwarten. Er würde aber definitiv einige spannende Möglichkeiten mit sich ziehen.

Option B: Salzburg

Es ist nicht sonderlich kreativ, aber die Wahrscheinlichkeit ist recht hoch, dass Leipzig auch in diesem Sommer mal wieder beim Partner-Klub in Salzburg zuschlägt.

Auf der Stürmerposition gibt es zwei Kandidaten, bei denen ein Wechsel nach Deutschland realistisch erscheint. Andere vielversprechende Talente wie Karim Adeyemi oder Sekou Koita dürfen sich wohl erst noch in Salzburg weiterentwickeln.

Während Takumi Minamino und Erling Håland im Winter wechselten, blieb der dritte Stürmer des genialen Salzburger Dreiersturms in Österreich. Die Rede ist vom Südkoreaner Hee-chan Hwang, der allerdings angeblich auch schon kurz vor einem Abgang stand.

Für Leipzig und Nagelsmann wäre er eine passende Option, da er kein Eins-zu-Eins-Ersatz für Werner wäre. Hwang glänzt durch sein exzellentes Raumgefühl, findet immer wieder Lücken im gegnerischen Abwehrverbund, kann diese gleichermaßen anlaufen und selber anspielen. Er gehört zur Kategorie spielstarker Stürmer.

Der andere Kandidat Patson Daka ist das genaue Gegenteil. Der 21-Jährige aus Sambia kommt diese auf ein Tor alle 68 Minuten. Spielerisch erinnert er schon mehr an Werner. Er kommt über sein hohes Tempo, auch seine Tiefenläufe sind gut getimt.

Sowohl Daka als auch Hwang können für Leipzig sehr sinnvolle Alternativen werden. So wird ein Red Bull interner Wechsel im Sommer noch wahrscheinlicher als ohnehin schon.

Option C: Ein Blick in die weite Welt

RB verpflichtet seine Spieler gerne von kleineren Vereinen. So kam Dani Olmo zum Beispiel aus Zagreb und Matheus Cunha aus Sion. Andere Spieler holt man derweil von Top-Klubs, bei denen sie wenig Spielzeit erhalten. Ein Beispiel hierfür wäre der diese Saison überragende Christopher Nkunku oder auch Ademola Lookman und Patrick Schick.

Auch in diesem Sommer wird man sicherlich die kleineren Ligen und größeren Klubs nach Spielern durchsuchen, die den eigenen Verein langfristig verstärken können. Hier bereits konkrete Namen zu nennen, bringt eher wenig, da aktuell noch nicht einmal klar ist, nach welchem Spielerprofil der Verein genau sucht.

Letztlich wird RB Leipzig in seiner gesamten Transferstrategie keine der drei hier gennannten Optionen streng befolgen. Stattdessen ist eher davon auszugehen, dass alle drei Optionen zu einem gewissen Teil verfolgt werden. Ob man es damit schafft, Timo Werner zu ersetzen, steht noch in den Sternen.

Individuell ist diese Aufgabe kaum zu erfüllen. Viel wird also mal wieder von Julian Nagelsmann abhängen und wie er das Team in der neuen Situation anpasst.


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Alexander Rudies
Alexander Rudies
Tennisspieler und Trainer mit noch größerer Liebe zum Fußball Schaut täglich Fußball, großer Fan von Fußball außerhalb der Top-Ligen und der Geschichte des Sports Beschäftigt sich viel zu intensiv mit Fußball. Bewunderer des Positionsspiel Guardiolas und Bielsas, trotzdem Fan von West Ham und Atletico. Leidenschaftlicher Tennis-Spieler und Cristian-Garin-Anhänger.

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