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Wie gut war eigentlich… Pavel Nedved?

Was kommt einem Fußballfan in den Sinn, wenn er den Namen Pavel Nedved hört? Bei mir war es (in der Reihenfolge): Schöne blonde Haare, Legende von Juventus Turin, Offensivspieler und Star der tschechischen Nationalmannschaft – viel mehr wusste ich nicht.

Bei der ersten Recherche fiel ich dann aus allen Wolken: Nedved hatte 2003 den Ballon D´or gewonnen? Er war mit Tschechien bei der EM 2004 ins Halbfinale und 1996 sogar ins Finale eingezogen? Alles deutete daraufhin, dass ich mal wieder die Qualität eines historischen Spielers völlig unterschätzt hatte – ein sich stetig wiederholendes Muster der „Wie gut war eigentlich…?“ Serie.

Doch noch gab ich mich nicht geschlagen: Die tschechische Nationalmannschaft könnte zu der Zeit ja auch einfach einen guten Kader gehabt haben (hatten sie auch). Nur der Ballon D´or Gewinn vor dem Zweitplatzierten Thierry Henry und dem Drittplatzierten Paolo Maldini war nicht von der Hand zu weisen: Und wie sich herausstellte, hatte sich Nedved diesen Titel redlich verdient.

 

Pavel Nedved – Dribbler in allen Räumen und Situationen

Nedved war ein sehr guter Dribbler, der das Dribbling in unterschiedlichen Szenen effektiv anwenden konnte. Im Gegensatz zum klassischen Flügelflitzer war er nicht nur im isolierten 1 vs. 1 an der Seitenlinie stark, sondern konnte ebenfalls Pressingsituationen mit Dribblings auf engem Raum auflösen.

Hier zeigte sich die Spielintelligenz des Tschechen: Er erkannte sehr gut, wann er mit Ball in welchen Raum vorstoßen kann. Besonders in seiner präsenten Rolle bei der tschechischen Nationalmannschaft holte er sich den Ball früh ab und trug ihn in hohem Tempo nach vorne.


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So konnte er innerhalb von wenigen Sekunden aus dem ruhigen Spielaufbau einen gefährlichen Angriff kreieren – so kontrolliert wie Nedved können das nur wenige Fußballer.

Dabei kam dem Tschechen seine Beidfüßigkeit sowie seine enge und saubere Ballführung zugute. Zusätzlich verstand er es hervorragend, seinen Körper zwischen Ball und Gegenspieler zu schieben. Dadurch zog er Unmengen an Fouls und gelben Karten.

Im so oft betitelten 1 vs. 1 an der Seitenlinie zeichnete Nedved hingegen seine hohe Dynamik aus: Er war schlichtweg schneller als die meisten Gegenspieler. Meist zog es den Blondschopf direkt zum Tor und nicht an die Seitenlinie zur Flanke. Von dort hatte er eine Vielzahl möglicher Anschlussaktionen:

 

Pavel Nedved läuft auf mich zu, was soll ich tun?

War Nedved bereits Richtung Tor durchgebrochen, war es für die Gegenspieler unvorhersehbar, was er als nächstes tun würde: Geht er auch noch am letzten Verteidiger vorbei? Spielt er einen seiner Schnittstellenpässe auf den durchlaufenden Stürmer? Oder sucht er selbst den Abschluss? Der Mittelfeldspieler war nicht nur unberechenbar, sondern in allem gleichmäßig gut – was ihn zum Albtraum jeder Verteidigung machte.


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La Furia Ceca bevorzugte im Passspiel den flachen Pass. Dabei ging der erste Blick des Tschechen immer zum eigenen Mittelstürmer: War dieser anspielbar, kam der Pass auf ihn. Es schien keinen Unterschied zu machen, ob sich der Passempfänger nun 5 oder 35 Meter entfernt von Nedved entfernt befand – sein Flachpassspiel war technisch derart herausragend, dass der Ball so gut wie immer ankam.

Unmittelbar vor dem Tor besaß der Tscheche ebenfalls das Auge für den Steckpass hinter die Abwehr. Nedved profitierte dabei von seinem überragenden Distanzschuss: Da er auch aus 30 Metern gefährlich werden konnte, mussten die Verteidiger früher auf ihn herausrücken, um den Fernschuss zu verhindern oder zu stören. Das öffnete Raum für seine Mitspieler, die von der Verteidigung weniger beachtet wurden.

Nedveds Torabschluss war nämlich extrem gefährlich, ob mit rechts oder mit links. In einer Mannschaft mit Alessandro del Piero und David Trézéguet durfte er regelmäßig Freistöße schießen – eigentlich Beweis genug.


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Der Tscheche beherrschte jedoch nicht nicht nur den ruhenden Ball, sondern war ebenfalls aus dem Spiel heraus gefährlich. Aus vollem Tempo einen platzierten und wuchtigen Torschuss abzugeben, ist unheimlich schwierig – Pavel Nedved konnte es. Bevor ich da noch mehr zu schreibe: Schaut das Video und seht selbst.

 

Offensiv unaufhaltsam, defensiv unangenehm

Die offensiven Qualitäten Nedveds reichten eigentlich schon, um den Ballon D´or zu gewinnen. Kaum ein Spieler war offensiv so komplett und facettenreich, wie es der Tscheche war. Doch Nedved war seiner Zeit noch in anderen Aspekten voraus:

Zum guten Ton des offensiven Kreativspielers gehörte es, sich defensiv Verschnaufpausen zu gönnen. Niemand verübelte es ihnen – die Offensivspieler sollten Kraft für ihre Dribblings und Tore sparen. Ausgerechnet der Ballon D´or Gewinner 2003 war jedoch einer der ersten Spieler, die dieses Argument eindrucksvoll widerlegen konnten.

Pavel Nedved war defensiv überaus engagiert. Für keinen Weg war er sich zu schade, kein Weg war ihm zu lang. Nach Ballverlusten sprintete er sofort mit zurück, um seinem Team defensiv zu helfen – absolut vorbildlich.


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Aufgrund seiner Dynamik gelang es ihm dabei oftmals, den Gegner aus dem Rücken zu überraschen. Das sorgte vereinzelt für wichtige Ballgewinne, bei denen er den Ball vom Fuß des Gegners wegspitzelte.

Mit seiner defensiven Intelligenz konnte er außerdem den Spielaufbau des Gegners effektiv stören. Nedved erkannte Pressingauslöser gut und war immer auf dem Sprung, um Gegenspieler bei technischen Unsauberkeiten sofort unter Druck zu setzen.

Dabei wählte er seine Laufwege klug: Bewusst lief er einen großen Bogen oder ließ den Passweg offen – nur, um dann in vollem Tempo den Gegenspieler anzulaufen. Da zu der Zeit weniger Wert auf flachen Spielaufbau gelegt wurde, provozierte er viele, unkontrollierte lange Bälle. Die waren dann ein Fall für Lilian Thuram und Alessandro Nesta und somit ungefährlich.

 

Pavel, es sind nicht alle so gut wie du!

Kreativ, dribbelstark, torgefährlich, spielintelligent, athletisch und defensivstark – was könnte dann eine mögliche Schwäche Nedveds sein? Tatsächlich war der Tscheche nach van Basten der erste Spieler der „Wie gut war eigentlich…?“ Serie, bei dem ich schon sehr genau hinschauen musste.

Und die „Schwächen“ sind auch eher Schönheitsfehler als klare Defizite: Aber was soll´s, irgendwie muss ich das hier ja füllen.


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In Ballbesitz war seine Handlungsschnelligkeit ebenfalls eine große Stärke Nedveds. Unmittelbar nach Ballgewinnen suchte er den Ball in die Tiefe, bespielbarer Raum sollte sofort ausgenutzt werden. Prinzipiell ist das natürlich toll, bei Nedved jedoch wirkten die Entscheidungen teilweise überhastet:

Er hatte den Ball noch gar nicht ganz unter Kontrolle gebracht, da versuchte er schon, seinen Mitspieler anzuspielen oder aufs Tor zu schießen. Diese Aktionen waren technisch so anspruchsvoll, dass nicht mal der brillante Tscheche diese erfolgsstabil bewältigen konnte. Manchmal war ein Ballgewinn Nedveds leider ein direkter Ballverlust Nedveds – mit etwas weniger Vertikalität hätte das nicht sein müssen.

 

Du bist doch schlau, warum gehst du dann immer auf den Flügel?

Das Bewegungsspiel des Tschechen war ebenfalls stark. Nedved fand sinnvolle Momente, um von seinem angestammten linken Flügel ins Zentrum einzurücken und den Ball dort zu empfangen. Seine Wege in die Tiefe waren ebenfalls gut getimet und stets zum Tor ausgerichtet.


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Insgesamt zeigte er sich sehr umtriebig auf dem Spielfeld: Pavel Nedved konnte überall auftauchen und von dort Gefahr entfachen. In seinen Spielen als zentraler Mittelfeldspieler zeigte sich dann jedoch die Tendenz, oft auf seinen angestammten linken Flügel auszuweichen.

Damit nahm er sich ein wenig die Präsenz in diesen zentralen Räumen, in denen er eigentlich so stark war. Es bleibt natürlich unklar, wieviel davon Vorgaben seiner Trainer waren. Ich hätte ihn zumindest gerne öfter im Halbraum und im Zentrum gesehen – von dort konnte er mehr Einfluss auf das Spiel nehmen.

 

Schaf im Schafspelz

Ich hatte ja erwartet, dass Nedved gut war. Aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass er SO gut war.
Kaum ein Spieler war so intelligent und durchschlagskräftig in seinen Aktionen. Kaum ein Spieler konnte in so vielen verschiedenen Situationen mit seiner individuellen Qualität glänzen. Und kaum ein Starspieler stellte sich so in den Dienst der Mannschaft wie der Tscheche.

Dadurch wurde Pavel Nedved zu einer Fußball Legende, bekannt auf der ganzen Welt. In Tschechien hat er großen Verdienst an der besten Phase des Teams aller Zeiten. Hätte Griechenland 2004 die EM gewonnen, wenn sich Nedved im Halbfinale nicht verletzt hätte? Die Niederlande hatten sie in einem hochklassigen Spiel bereits geschlagen.

Klicke hier, um das Match Niederlande gegen Tschechien zu sehen.

Bei Juventus Turin hat er sich vor allem mit seiner uneigennützigen und kreativen Spielweise ins Herz der Fans gespielt. Die Fans der alten Dame werden dem Tschechen nie vergessen, dass er im Gegensatz zu Stars wie Fabio Cannavaro nach dem Wettskandal den Weg in die Serie B mitangetreten hat.


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Bis zu seinem Karriereende 2009 brachte Nedved dort Höchstleistungen. Mit 36 Jahren noch Stammspieler bei Juventus Turin zu sein – als Flügelspieler (!) – ist beeindruckend.

Pavel Nedved war wirklich ein verdammt guter Fußballspieler – mit wundervoller Haarpracht.

Henri Hyna
Henri Hyna
Liebt guten Fußball und hasst jeden nicht guten Fußball. Versteht aber auch nicht genau, wie guter Fußball funktioniert

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2 comments

  1. Hey, vielen Dank für diese Serie, mein absoluter Favorit! Kannst du dir in Zukunft vielleicht Guti, Seedorf oder Kaka anschauen? LG

    • Hi, vielen Dank für das Lob! Die Vorschläge nehmen wir uns selbstverständlich zu Herzen 🙂 einen Zeitraum können wir nicht nennen, aber da wird was kommen!

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