Benficas Start in die Saison verlief bisher sehr wechselhaft.

Während es in den ersten Spielen so schien als könne man nahtlos an die letztjährige formidable Rückrunde unter Neu-Trainer Bruno Lage anknüpfen, hat man inzwischen gegen alle drei Gegner gleicher Gewichtsklasse verloren und steht in der Champions League, durchaus selbstverschuldet, mit dem Rücken zur Wand.

Auch in der heimischen Liga NOS sind überzeugende Schützenfeste biederen Arbeitssiegen gewichen und der Erzrivale aus Porto tritt inzwischen deutlich souveräner auf.

Im folgenden Text, der erste unserer Begleittexte, wollen wir die ersten Saisonwachen der Águias Revue passieren lassen und Performer, Youngster und Enttäuschung des ersten Saisonabschnitts küren.

Ein Text von Amadeus Marzai und Till Oppermann

Benfica Lissabon – die letzten Wochen auf einen Blick:

Performer der ersten Wochen
Enttäuschung der ersten Wochen
Youngster der ersten Wochen

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Benfica Lissabons Start in die Saison

Benficas überzeugender 5:0 Sieg gegen den kriselnden Lokalrivalen Sporting im Super Cup befeuerte die ohnehin hohen Erwartungen an die neue Saison.

Zwar hatten die portugiesischen Rekordmeister im Sommer mit João Félix ihren offensiven Dreh- und Angelpunkt verloren, doch die millionenschwere Verpflichtung von Raúl de Tomás und die Berufung von Top-Talent Jota und weiteren Youngsters ins Profiteam ließen die unmittelbare Zukunft rosig erscheinen.

Am ersten Spieltag der aktuellen Spielzeit folgte dann gleich das nächste Ausrufezeichen als man Paços de Ferreira vor heimischer Kulisse erneut mit 5:0 demontierte. Das Spiel war zugleich Ausrufezeichen eines der zahlreichen Akademieprodukte Benficas, aber dazu später mehr.

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Auf den Heimsieg folgte ein souveränes 2:0 gegen Belenenses. Bereits nach zwei Spieltagen hatte man drei Punkte Vorsprung auf die strauchelnden Dragões aus Porto und das direkte Aufeinandertreffen im Estádio da Luz hätte weitere Klarheit für Benfica bringen können.

Doch es kam anders. Vom Erzrivalen aus dem Norden wurde man an die Kette gelegt und eigene Offensivbemühungen wurden geradezu erstickt. Insbesondere unser player to watch Romário Baró tat sich dabei hervor, Benficas starke linke Seite, um Alejandro Grimaldo und Rafa Silva, komplett lahmzulegen.

Zwar zauberte Porto erwartungsgemäß nicht, doch ihrer Abgeklärtheit und defensiven Standfestigkeit war Benfica überraschenderweise hoffnungslos unterlegen. Kein Wunder, dass das Stadion des Lichts schnell im Spiel verstummte.

Enttäuschung in Europa

Zwar konnten sich die Scharlachroten mit einem überzeugenden 4:0 Auswärtssieg im Felsendom von Europa League-Teilnehmer Braga und einem Arbeitssieg gegen Porto-Bezwinger Gil Vicente rehabilitieren, doch die nächste Heimpleite gegen ein Kaliber auf Augenhöhe folgte auf dem Fuß.

In der Champions League entschied man sich gegen RB Leipzig für die wenig nachvollziehbare Tradition der jüngeren Vergangenheit Stammspieler zu schonen und Nachwuchsspieler ins Schaufenster zu stellen.

So kamen Tomás Tavares und Stürmer Jota zu ihren Startelfdebüts für Benfica und Franco Cervi, der auf dem linken Flügel begann, machte gegen die Sachsen sein bisher einziges Saisonspiel.

In Anbetracht dieser selbstauferlegten Rotation war der Auftritt der Lissabonner recht passabel.

Mit dem patentierten Umschaltspiel stellte man die Leipziger immer wieder vor Probleme und hatte in der ein oder anderen Situation Pech mit den Schiedsrichterentscheidungen. Aufgrund des defensiv wenig sattelfesten Mittelfeldes fing man sich jedoch zwei Gegentore und verlor letztendlich verdient mit 1:2.

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In den heimischen Wettbewerben fing man sich mit wenig überzeugenden aber meist siegreichen Partien etwas. Doch gegen Zenit folgte am Mittwoch die nächste europäische Pleite (1:3). In St. Petersburg führte man, zumindest in der Abwehr, wieder nicht die stärkste Elf aufs Feld.

Gegen die Russen präsentierte man sich offensiv harmlos und defensiv fehleranfällig. Mit solchen Auftritten dürfte es in einer ausgeglichenen Gruppe nicht einmal für die Europa League reichen.

Wie Benfica in Topbesetzung im europäischen Vergleich einzuschätzen ist, soll also wohl weiterhin ein Geheimnis bleiben.

Doch trotz der jüngsten Ergebnis- und Leistungskrise gibt es Lichtblicke. So absolvierte Mittelfeld-Regisseur Gabriel, der in der vergangenen Meistersaison mit seinen brillanten Pässen auf die Außenbahnen ein absoluter Leistungsträger war, gegen Zenit sein erstes Saisonspiel über 90 Minuten. Zuvor hatte ihn ein Außenbandanriss auf die Tribüne gezwungen.

Der spektakuläre, wenn auch nur kosmetische Treffer von Raúl de Tomás zum 1:3 Endstand gegen Zenit könnte als Befreiungsschlag für den bisher so enttäuschenden Transfer aus Spanien wirken.

Nichtsdestotrotz besteht in Lissabon kein Grund zur Gelassenheit.

Zu statisch präsentierte sich in den letzten Wochen das sonst so dynamische, nahezu überfallartige Offensivspiel, zu anfällig zeigte sich die Defensive.

Der Verlust von João Félix als geniales Bindeglied zwischen dem spielstarken offensiven Mittelfeld und dem klassischen Neuner Seferović konnte bisher noch nicht aufgewogen werden.

Und im defensiven Mittelfeld konnten sich auch aufgrund der ständigen Rotation noch kaum Routinen entwickeln. Eine baldige Rückkehr vom jungen Mittelfeld-Ass Florentino dürfte dabei genauso im Interesse aller Benfica-Fans sein wie eine deutliche Leistungssteigerung von Rohdiamant Jota.

Ein alter Bekannter

Obwohl die Formkurve der Adler aktuell eher in die falsche Richtung zeigt, haben die Portugiesen doch auch für eine herzerwärmende Geschichte gesorgt.

So spielte sich in den letzten Wochen ein Spieler in die Startelf, mit dessen Aufblühen bei Benfica wohl wirklich niemand mehr gerechnet hätte.

Die Rede ist von Adel Taarabt. Der Marokkaner kam 2015 nach einer bereits recht wechselvollen Karriere ablösefrei von den Queens Park Rangers nach Lissabon.

Aber auch am Rio Tejo fiel Taarabt, der schon mit Zinédine Zidane verglichen wurde, mit seiner mangelhaften Einstellung auf. Die stolzen Lissabonner wollten sich ein derartiges Verhalten nicht bieten lassen und verbannten den Neuzugang kurzer Hand in die Reserve.

Taarabt machte daraufhin in einem Interview klar, so schnell wie möglich wechseln zu wollen. Benficas Präsidenten gefiel das natürlich gar nicht: „Er hatte am Anfang sechs Kilo zu viel drauf. Jetzt hat er zwar Idealgewicht, aber nach diesem Interview wird er mit Sicherheit niemals ein Benfica-Trikot tragen.”

Nach 1.387 Tagen und einer ordentlichen Leihe beim CFC Genua folgte im März 2019 der große Tag. Taarabt wurde im Ligaspiel gegen CD Tondela eingewechselt.

Inzwischen hat sich das einstige Wunderkind seinen Platz in Benficas Rotation erkämpft, kommt vorrangig als Achter zum Einsatz und genießt das Vertrauen von Trainer Lage.

 

Performer der ersten Wochen: Pizzi

Auch wenn sich Pizzis Formkurve derzeit proportional zu der seines Teams verhält, war der 29-Jährige in den Anfangswochen der beste Spieler des amtierenden Meisters.

In zehn Spielen kommt der portugiesische Nationalspieler auf acht Tore und drei Vorlagen und ist damit der mit Abstand beste Scorer seiner Mannschaft. Darüber hinaus kommt er in der Liga auf starke 2, 4 Key Passes, in der Champions League immerhin auf 2.

Pizzi, der in der aktuellen Saison schon vier Mal als Kapitän begann, profitierte wie kaum ein anderer Adler vom Trainerwechsel der letzten Saison. Während er von Rui Vitória noch vorrangig als zentraler Mittelfeldspieler eingesetzt wurde, zog ihn Bruno Lage ins rechte Mittelfeld wo er alle Freiheiten genießt.

Die Meistersaison beendete Pizzi mit 13 Toren und 19 Vorlagen in 34 Ligaspielen und war damit der überragende Akteur in Benficas Angriff.

Während seine Mitspieler in der Offensive am Anfang der Saison noch Ladehemmung hatten, knüpfte Pizzi direkt an seine exzellente Vorsaison an.

Sollte sich Raúl de Tomás in João Félix’ alten Rolle als Halbstürmer weiter schwertun, wird Pizzi noch mehr offensive Verantwortung zufallen.

Die Gretchenfrage ist, ob der Wandervogel von einst seine bärenstarken Leistungen erneut über die gesamte Spielzeit abrufen kann.


 

Enttäuschung der ersten Wochen: Raúl de Tomás

Raúl de Tomás kam im Sommer für stolze 20 Millionen € von Real Madrid, nachdem er letzte Saison als Leihspieler 14 Tore in 33 Ligaspielen für Rayo Vallecano erzielt hatte.

Technisch brillante Aktionen in der Vorbereitung nährten die Hoffnung, dass der gebürtige Madrilene schnell João Félix als Halbstürmer in Bruno Lages 4-4-2 System vergessen machen würde.

Doch es kam anders und der Sohn einer Dominikanerin und eines Spaniers wirkte oft wie ein Fremdkörper in Benficas Angriffsspiel.

Zwar versuchte er seinem Team durch das Gehen weiter Wege und einer gesunden Aggressivität weiter zu helfen, doch das Tore schießen, de Tomás’ Kernaufgabe, wollte nicht so recht gelingen.

Gegen Porto war er vom Rest des Teams gerade zu abgeschnitten und kam auf nur 16 Ballkontakte.

Zwar blieb er auch im Champions League-Duell gegen Leipzig ohne Torerfolg, doch waren in der Partie de Tomás’ Qualitäten im hohen Anlaufen zu erkennen.

Nur ein unglücklicher Pfiff von Referee Anastasios Sidiropoulos, hinderte den Stürmer zu Spielbeginn daran nach einer starken Balleroberung allein in Richtung Tor zu marschieren.

Doch das Formtief von de Tomás hielt weiter an und Trainer Lage sah in der Startelf zuletzt keine Verwendung für den Millionen-Neuzugang. Gegen Setúbal schmorte er die vollen 90 Minuten auf der Bank.

Da kam sein sehenswertes wenn auch bedeutungsloses Distanztor als Joker gegen Zenit in der Champions League gerade Recht.

Vielleicht kann ihm sein Benfica-Premierentor und die Länderspielpause helfen, zu aus Spanien bekannter Form zurück zu finden.

Der leistungstechnische Durchbruch von de Tomás könnte eine bitternötige Initialzündung für das auf einem Schlingerkurs befindliche Benfica sein.


 

Youngster der ersten Wochen: Nuno Tavares

Nach einem überragenden Saisonstart ist es in den letzten Wochen wenig ruhiger um Nuno Tavares geworden. Nichtsdestotrotz ist der portugiesische U-21 Nationalspieler eines der größten Talente aus Benficas Talentschmiede.

Während er vor der Saison eigentlich als Back-Up für Linksverteidiger Alex Grimaldo eingeplant war, spielte sich Tavares in der Vorbereitung auch auf der rechten Abwehrseite in den Fokus.

Durch die Verletzung von Andre Almeida konnte der 19-jährige dann im Supercup und den drei ersten Saisonspielen früher als erwartet von Anfang an spielen.

In diesen Partien offenbarte er mehrere Stärken, die die Fans der Aguias in Entzückung versetzten. Obwohl sein linker Fuß wohl etwas stärker ist, kann er auch mit dem Rechten hervorragend Fußball spielen.

Deshalb ist Tavares auf beiden Abwehrseiten ohne Qualitätsabfall einsetzbar.

Kaum zu glauben, dass sein Debüt gegen Pacos Ferreira – bei dem er ein herrliches Distanztor erzielte und zwei weitere Treffer vorbereitete – sein Premierenauftritt in der ersten Liga war.

Noch beeindruckender wird das vor dem Hintergrund, dass er in der letzten Saison in der zweiten Mannschaft und der UEFA Youth League fast immer als Linksverteidiger spielte.

Tavares spielt sehr konzentriert und verteidigt diszipliniert. Er ist schnell, explosiv und gut im Tackling.

Nachholbedarf hat das Eigengewächs bei Kopfballduellen und dabei Bälle zu halten und abzuschirmen.

Weil er 1,83 misst, sollte er diese Schwächen aber leicht ablegen können.

Sobald er etwas an Masse und dadurch auch Robustheit gewinnt, wird er körperlich keine Defizite mehr haben.

Während Grimaldo nach dieser Saison wahrscheinlich endgültig den Offerten aus Barcelona oder Manchester nachgeben wird, steht Tavares als adäquater Ersatz in den Startlöchern.

Schon vor seinem Profidebüt stattete Benfica das Talent mit einem Vertrag bis 2024 aus. Die Ausstiegsklausel beträgt 88 Millionen Euro.

Einmal wieder wird ein Nachwuchsspieler eine Lücke in der Startelf füllen. Doch auch in dieser Saison kann Tavares weitere Erfahrung sammeln.

Nachdem Nationalspieler Andre Almeida wegen einer Muskelverletzung erneut auf unbestimmte Zeit fehlen wird, darf Tavares in den nächsten Wochen wohl wieder von Beginn ran.


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