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Die wundersame Reise des Jesús Corona

(Grafiken: Erstellt von Cavanis Friseur / © Footyrenders)

06. März 2019. An einem feuchtkalten Frühlingsabend an der portugiesischen Atlantikküste empfängt der FC Porto die Associazione Sportiva Roma, besser bekannt als AS Rom, zum Rückspiel im Champions-League-Achtelfinale. Die Hausherren müssen ein 1:2 aus dem Hinspiel in der ewigen Stadt wettmachen.

Die Portugiesen starten entsprechend furios und spielen die Gäste an die Wand. Doch Porto verpasst es, seine zahlreichen Chancen in mehr als ein Tor umzuwandeln und lässt die abgezockten Italiener in Form von Daniele de Rossi ausgleichen.

In der 52. Minute versuchen die Giallorossi nach einer Porto-Ecke einen Konter zu initiieren. Ein schwacher Pass von Romas Rechtsverteidiger Karsdorp wird jedoch von Jesús Corona abgefangen.


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Der Mexikaner zieht Richtung Grundlinie, lässt Karsdorp per Haken aussteigen und flankt butterweich auf den langen Pfosten. Dort muss der eingelaufene Moussa Marega nur noch den Fuß zum 2:1 hinhalten. Das Estádio do Dragão explodiert. Es ist der Anfang vom Ende der römischen Viertelfinal-Träume.

Vorlagengeber Corona war schon per Hockey-Assist am 1:0 beteiligt und ist an diesem Abend einer der herausragenden Akteure seines Teams. WhoScored vergab für seine Leistung die sehr gute Bewertung 8.3 (nur Marega performte besser).

Bei Coronas weiteren Statistiken allerdings auch kein Wunder: 92% Passgenauigkeit, 3/4 erfolgreiche Tackles, 4/7 geglückte Dribblings sowie eine spektakuläre Volley-Abnahme, die das Gehäuse nur knapp verfehlte.

PS: Es wäre sehr verwunderlich, wenn Rick Karsdorp in dieser Nacht allzu gut geschlafen hätte.

Dabei hätten es Corona viele gar nicht mehr zugetraut, auch an einem regnerischen und umkämpften Champions-League-Abend in der K.O.-Phase, den Unterschied machen zu können.

Bei seiner Ankunft in Europa noch als Edeltechniker mit Superstar-Potenzial gefeiert, wurde der Lateinamerikaner im Laufe seiner Karriere zwar weiterhin als brillanter Dribbler, allerdings auch zunehmend als Spieler wahrgenommen, der sein Potenzial nicht einmal annähernd zu verwirklichen mochte. Spieler wie Juan Quintero oder Landsmann Giovani dos Santos lassen grüßen.

Doch inzwischen wissen wir, dass Jesús Corona seiner Laufbahn eine neue Wendung zu geben vermochte. Mit wettbewerbsübergreifenden 4 Toren und stolzen 21 Vorlagen war er neben Alex Telles bester Scorer der Hafenstädter und hatte somit entscheidenden Anteil am Gewinn des Doubles aus Pokal & Meisterschaft.

Inzwischen sind mit dem FC Chelsea, FC Sevilla und Inter Mailand Schwergewichte des europäischen Spitzenfußballs am 27-Jährigen interessiert.

 

Wüste, Maracanã und ein kurioser Spitzname

Jesús Manuel Corona Ruíz wurde als drittes von fünf Kindern in eine Familie der unteren mexikanischen Mittelschicht in Hermosillo geboren. Hermosillo ist Hauptstadt und industrielles Zentrum, des im Nordwesten an der Grenze zu Arizona und New Mexico gelegenen Bundesstaates Sonora.

Die von Kakteen und Wüste dominierte Region ist zwar nur gering besiedelt, gehört aber zu den wohlhabenderen des Landes.

Obwohl in Hermosillo eigentlich eher dem Baseball gefrönt wird, begann Corona im Alter von sechs Jahren mit dem Fußballspielen.

Grund dafür war nicht zuletzt der Rat eines Psychologen. Dieser hatte den Eltern geraten, ihren hyperaktiven Sohn bei einem lokalen Fußballverein anzumelden. In der Hoffnung, dass das kleine und dünne aber vor Energie nur so strotzende Kind dort einen Ausgleich finden würde.

Doch selbst der Fußball konnte den kleinen Jesús nicht bändigen. Angeregt durch sein Vorbild Cuauhtémoc Blanco, Star seines Lieblingsteams Club América, war er Tag und Nacht mit dem runden Leder zugange.


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Seinen Jugendtrainer trieb er derweil mit nicht enden wollenden Dribblings und Sololäufen zur Verzweiflung.

„Obwohl ich ihn in der Verteidigung als Rechtsverteidiger aufstellte, preschte er immer nach vorne in Richtung des gegnerischen Tores und verließ seine Position. Er hat uns alle mit offenem Mund zurückgelassen“ erinnert sich Francisco Fierro.

Da der junge Corona aber aufgrund seiner Verspieltheit des Öfteren die Bank drücken musste, entschied sich das Energiebündel, gegen den Rat des Vaters, auch für das Team seiner Oberschule aufzulaufen. Mit der Schulmannschaft nahm er an der Copa Coca-Cola teil, einem riesigen Jugendturnier, das in beiden Amerikas ausgetragen wird.

Der 15-Jährige führte seine Schulkameraden als Stürmer zum Sieg auf lokaler, bundesstaatlicher und nationaler Ebene. Dabei war er in jeder Runde Topscorer und MVP. Höhepunkt war das internationale Finale im legendenumwobenen Maracanã von Rio de Janeiro als Corona seine Mannschaft mit zwei Treffern zum 4:1 Sieg gegen ein Team aus Panama schoss.

Nicht ohne Grund waren zahlreiche Vereine, darunter der glorreiche FC Santos aus Brasilien, auf den begabten Teenager aus Hermosillo aufmerksam geworden. Doch seine Familie entschied sich letztlich gegen das weit entfernte Brasilien und stattdessen für den mexikanischen Topverein CF Monterrey.




 

In der lebenswerten mexikanischen Metropole wurde ihm sein Spitzname Tecatito verpasst. Dessen Entstehungsgeschichte ist Pflichtwissen für alle Liebhaber des Weltfußballs.

Da Monterrey seinerzeit u.a. von der Cuauhtémoc Moctezuma Brewery gesponsort wurde und die Brauerei sich für die Werbung auf dem Rücken der Trikots verantwortlich zeichnete, wollte man es vermeiden den Namen des Hauptkonkurrenten Corona unter den eigenen Markenlogos lesen zu müssen. Der Spitzname Tecatito, als Referenz an die Tecate-Biermarke des Sponsors war geboren.

Noch heute läuft Corona mit dem ungewöhnlichen Namenszug auf, seiner Abneigung gegen den Gerstensaft zum Trotz.

Doch obwohl er in Monterreys Nachwuchsteams zu überzeugen wusste, wurde er nicht für die 2009 in Nigeria stattfindende U17 WM nominiert. Die größte Enttäuschung seiner Karriere. Der Teenager dachte gar daran, dem Fußball den Rücken zukehren. Erst nach eindringlicher Überzeugungsarbeit seiner Eltern konnte er von dem Gedanken abgebracht werden. Zum Glück!

Schon kurze Zeit später durfte er im Alter von nur 17 Jahren für Monterrey in der Liga MX debütieren. Bereits in seiner Heimat stellte Corona dabei seine enorme Vielseitigkeit unter Beweis. So lief er für Monterrey auf gleich sechs Positionen auf: LM, ZM, RM, LA, HS und RA.

Mit La Pandilla gewann er drei Mal die CONCACAF Champions League, einmal davon in tragender Rolle. In Folge der Klub-WM 2012 zog er zudem mit zwei Treffern und einer überzeugenden Darbietung gegen Chelsea – als er die Abwehr der Londoner ein ums andere Mal schwindelig spielte – erneut Interesse aus aller Welt auf sich.

 

Der Sprung nach Europa

Letztendlich machte Twente Enschede für 3,5 Millionen € Ablöse das Rennen um den begehrten Youngster.

Auch Barça hatte seinerzeit angefragt, allerdings war Corona in Katalonien nur für die Reserve eingeplant. Obwohl es laut Aussage der Eltern der Traum ihres Sohnes ist, eines Tages für den FC Barcelona zu spielen, entschied sich der inzwischen 20-Jährige für die Erstklassigkeit in den Niederlanden.

Nach einer von Anpassung geprägten Premierensaison an der niederländisch-deutschen Grenze, behauptete sich Corona in der Eredivise und kam in seinem zweiten Jahr für The Tukkers wettbewerbsübergreifend auf 13 Tore und fünf Torvorlagen.

Twente-Trainer war damals übrigens Ex-Hoffenheim-Coach Alfred Schreuder, Mitspieler u.a. CF-Legende Renato Tapia und Hakim Ziyech.

Aufgrund der überzeugenden Auftritte in den Niederlanden sicherte sich der FC Porto im Sommer 2015 für 10,5 Millionen € die Dienste des Mexikaners. Mit zwei Toren im ersten Pflichtspiel gegen den FC Arouca verlief sein Einstand für die Dragões auch gleich nach Maß.


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Doch Tecatitos Entwicklung begann zu stagnieren. Zwar war er in seinen ersten drei Jahren am Douro stets ein wichtiger Teil der Rotation, doch mit inkonstanten Leistungen verbaute er sich den Aufstieg zum Stammspieler.

Dies sollte ihm erst 2018/19 gelingen. Mit 22 Scorerpunkten in allen Wettbewerben gab er einen Vorgeschmack auf die gerade abgelaufene Saison. Diese war zweifellos seine beste im Trikot der Azuis e brancos. Interessanterweise benötigte er in den letzten beiden Spielzeiten jeweils genau 166 Minuten pro Torbeteiligung.

Inzwischen genießt Corona das unabdingbare Vertrauen von Porto-Coach Sérgio Conceição. Als peripherer Mittelfeldspieler, Flügelstürmer oder Rechtsverteidiger absolvierte er 2019/20 wettbewerbsübergreifend 90.3% der maximal möglichen Einsatzminuten und bestritt mehr Partien als jeder andere seiner Kollegen, den Torhütern inklusive.

Seine Ausdauer verdankt Corona übrigens der drückenden Wüstenhitze seiner Heimat Sonora.

 

Europas bester Mexikaner

Mit spektakulären Toren wie gegen Moreirense oder Marítimo sowie zahlreichen Vorlagen, war der Mexikaner neben dem Brasilianer Otávio der entscheidende Kreativposten seines Teams. Nur Benficas Pizzi legte seinen Mitspielern mehr Tore auf.

Mit verrückten Dribblings verzückte er die Portistas und ließ seine Gegenspieler alt aussehen. Die von Flair und Schlitzohrigkeit gekennzeichneten Dribblings sind seit jeher Markenzeichen und größte Stärke Coronas. Dank seiner famosen Technik ist keine Situation ausweglos, kein Raum zu klein.

In Portugals Oberhaus gingen in der letzten Saison nur zwei Spieler öfter ins Dribbling. Obwohl seine Aktionen am Ball ab und an zu verspielt wirken, sind die Dribblings des Mittelamerikaners in der Regel doch zweckmäßig und resultieren nicht selten in präzisen Flanken oder wohl getimten Steckpässen.

Über die Jahre wurden schon prominente Gegenspieler wie Kostas Manolas, James Milner, Gary Medel oder Rafa Silva vom beidfüßigen Flügelspieler düpiert.


Jesus Corona Analysis
Coronas Stärken & Schwächen nach WhoScored.


 

Mit 1.2 Interceptions und 0.8 geklärten Bällen pro Spiel, ist er auch defensiv zu gebrauchen.

Wenig verwunderlich also, dass Corona inzwischen heißer Verkaufskandidat beim finanziell schwer angeschlagenen portugiesischen Primus aus Porto ist. In Dortmund galt er interessanterweise schon 2017 als möglicher Nachfolger von Ousmane Dembélé.

Auch in Mexiko verfolgt man die Entwicklung des einstigen Wunderknaben derweil aufmerksam. Der US-mexikanische Fußball-Journalist Cesar Hernandez gibt Cavanis Friseur exklusiv zu Protokoll:

„Früher wurde er als unglaublich talentierter aber inkonstanter Spieler gesehen. Inzwischen aber denke ich, dass die meisten mexikanischen Fans seine Konstanz auf Club-Ebene anerkennen. Man glaubt weiterhin, dass er einem großen Club noch viel mehr bieten könnte. Daher besteht eine gewisse Ungeduld, ihn endlich in einer stärkeren europäischen Liga spielen zu sehen.“

Doch während Tecatito auf Clubebene endlich konstant zu überzeugen weiß, bleibt die mexikanische Nationalmannschaft ein schwieriges Pflaster für den vielseitigen Dauerbrenner.

42 Länderspielen und einigen atemberaubenden Toren wie gegen Irland, Kanada oder Venezuela zum Trotz, hat er sich bisher noch nicht als Stammkraft für El Tri behaupten können. Gerade einmal sieben Partien bestritt er über die volle Länge.


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Beim aktuellen Coach Gerardo Tata Martino hat er einen besonders schweren Stand. Grund dafür ist Ärger um eine von Corona verletzungsbedingt abgesagte Länderspielreise im März 2019. In Anbetracht von dessen jüngsten Leistungen dürfte es allerdings schwer werden, dauerhaft auf Tecatitos Dienste zu verzichten.

„Bezüglich der Nationalmannschaft hoffen die Fans, dass er die neu entdeckte Konstanz aus Porto auf El Tri übertragen kann, der 2021 und 2022 trubelige Jahre bevorstehen“ so Cesar Hernandez.

Es wäre die wünschenswerte Vollendung einer wundersamen Reise. Vom unbeständigen Schönwetterspieler zum vielleicht besten Mexikaner in Europa.


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Amadeus Marzai
Amadeus Marzai
Fun Guy und leidenschaftlicher Streetballer. Seit er denken kann schlägt sein Herz für die Toronto Raptors. Im zweiten Leben Fußball-Fan, der eine Taktik nicht einmal dann erkennen könnte, wenn sein Leben davon abhinge. Für Cavanis Friseur reicht es trotzdem. Auch deshalb, weil Edinson Cavani neben Xabi Alonso sein All-Time Lieblingsspieler ist. Aufgrund seiner vielfältigen Interessen intern als „Random Amy“ verspottet. Einer von mehreren Weltmeister-Abiturienten im Team, der ausdruckstechnisch zu den brillantesten Friseuren gehört.

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