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Hat die Bundesliga ein Torwartproblem?

Deutschland ist in der Fußballwelt bekannt für seine herausragenden Torhüter. Vom Teufelskerl Toni Turek bis zum Welttorhüter Manuel Neuer produzierte die deutsche Talentschmiede unzählige Schlussmänner von Weltformat. Aktuell zählt Marc-André Ter Stegen zu den besten der Welt und ist unangefochtene Nummer 1 beim FC Barcelona.

Dieser große Pool an talentierten Torhütern führte in der Vergangenheit dazu, dass das Niveau der Bundesliga Torhüter gefühlt relativ hoch war. Dieses Gefühl mit Statistiken zu belegen, war bis vor wenigen Jahren jedoch schwierig.


Dies ist ein Gastbeitrag von Moritz Löhn

Welche Statistik bildet einen guten Torwart ab? Die gehaltenen Bälle sind da sehr naheliegend. Doch dieser einfach zu erhebende Wert, birgt einige Ungenauigkeiten.

So hat beispielsweise der Torwart eines Top-Vereins während eines Spiels kaum was zu halten. Das führt dazu, dass seine absoluten Werte gehaltener Bälle sehr niedrig sind und sein Prozentsatz der gehaltenen Schüsse sehr ungenau.


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Bekommt Manuel Neuer etwa zwei Schüsse auf sein Tor und pariert beide, liegt er bei 100% abgewehrten Schüssen. Wohingegen ein Abstiegskandidat, der unglaublich viele Schüsse aufs Tor bekommt, einen niedrigeren Wert hat, auch wenn er ein sehr gutes Spiel gemacht hat.

Im Laufe einer Saison gleichen sich diese Ungenauigkeiten natürlich aus. Trotzdem fehlt in dieser Statistik ein entscheidender Faktor: die Schüsse. Nicht jeder Schuss, der aufs Tor geht, ist gleich schwierig zu halten.

Doch in die Statistik der abgewehrten Schüsse gehen sie alle gleichermaßen ein. Dieses Problem hat StatsBomb mithilfe einer neuen Statistik gelöst.

PSxG: Die neue Statistik

Seit der Saison 2017/2018 erheben die Datenanalytiker nicht nur den Expected Goals (xG)-Wert jeder Torchance, sondern auch den Post-Shot-xG-Wert.

Dieser Wert bezieht nur Schüsse ein, die tatsächlich aufs Tor gehen und beschreibt die Wahrscheinlichkeit, mit der diese ins Tor gehen könnten. Ein lascher Schuss in die Mitte des Tores hat also einen geringeren PSxG als ein Hammer in den Winkel.

Durch diese neue Statistik lässt sich ermessen, wie gut die Chancen waren, die ein Torwart abzuwehren hatte.

In der Bundesliga liegt der PSxG pro Schuss aufs Tor diese Saison bei durchschnittlich 0,31. Bekäme also ein Torwart in einem beispielhaften Bundesligaspiel dieser Saison vier Schüsse auf sein Tor, läge der PSxG für seine Mannschaft in diesem Spiel bei 1,24.


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Zieht man von dieser Zahl die Anzahl der Gegentore ab, erhält man einen guten Wert, um die Leistung eines Torwarts zu beschreiben (im weiteren Verlauf kurz PSxG-GC für Post-Shot-expected-Goals minus Goals Conceeded).

Wieso die Bundesliga-Torhüter überschätzt werden

Spielt dieser Beispieltorwart sehr gut und fängt kein Gegentor, liegt sein PSxG-GC bei 1,24. Fängt er in diesem Spiel drei Gegentore liegt der Wert bei -1,76.

Im ersten Fall hat er mehr gehalten, als zu erwarten war und im zweiten Fall weniger. Natürlich kommt es für einen Torwart auf viel mehr an, als nur seine Leistung auf der Linie, um ein gutes Spiel zu machen. Aber statistisch zu belegen, wie gut ein Torwart gehalten hat, ist trotzdem von enormem Wert.

Nun existiert also ein Instrument, um zu ermitteln, ob die gefühlt guten Bundesliga Torhüter tatsächlich so gut sind.


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Die Ergebnisse für die aktuelle Saison zeigen, dass dieses Gefühl trügt. Die Bundesliga hat momentan laut der Statistik im Vergleich der europäischen Top-Ligen die schwächsten Männer auf der Linie und das nicht nur diese Saison, sondern auch schon in der vergangenen Spielzeit.

Die letzte Spielzeit, in der die Bundesliga Torhüter mit mehr als zehn Spielen im Durchschnitt einen positiven PSxG-GC aufgewiesen haben, war im Jahr 2017/2018 – gleichzeitig das Jahr der ersten Erhebung dieser Statistik.

Im Folgenden werden auf der Grundlage des PSxG-Wertes der Bundesliga und der Premier League der vergangenen drei Jahre Rückschlüsse auf die Qualität der Torhüter gezogen.

Hierbei sollte noch einmal deutlich darauf hingewiesen werden, dass eine Statistik, die erst seit drei Jahren erhoben wird, keinesfalls allgemeingültige Aussagen treffen kann.

Momentan kann noch niemand die tatsächliche Aussagekraft der Statistik bemessen. Außerdem ist die Anzahl der erhoben Werte noch sehr gering, weshalb eine Anfälligkeit für Zufallsfehler besteht.

Werteverfall der Bundesliga-Torhüter

Der durchschnittliche PSxG-GC diese Saison liegt bei -2,13 (Stand 30. Spieltag). Im Vergleich dazu: die Premier League Torhüter sind im Durchschnitt bei +2,26 (Stand 29. Spieltag). Ein massiver Unterschied.

Man könnte jetzt schnell auf die Idee kommen, die Unterschiede seien in den finanziellen Ungleichheiten begründet.

Die teuren Hugo Lloris (+6,7), Bernd Leno (+6,2) und Allison Becker (+4,6) haben auch sehr gute Werte, aber gleichzeitig haben David de Gea (-0,1), Kepa Arrizabalaga (-4,1) und Jordan Pickford (-4,1), drei der sechs teuersten Torhüter der Liga, unterdurchschnittliche Werte.


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Wenn ein Torwart teuer ist, heißt das also nicht gleich, dass er gut hält. Trotzdem ist die Schere zwischen den Marktwerten der Premier League und Bundesliga Torhütern in den letzten zwei Jahren weiter auseinandergegangen und das hat scheinbar Einfluss auf die Leistungen in den Ligen.

Diese schwächeren Leistungen bilden sich in den Statistiken ab, denn 2018 hatte die Bundesliga noch einen PSxG-GC von +0,11, während die Premier League bei -0,83 lag.

Kein so großer unterschied wie diese Saison, aber die Bundesliga ist vorne. Schauen wir uns deshalb die Marktwertentwicklungen der beiden Ligen in den letzten zwei Jahren an.

Der durchschnittliche Marktwert eines Bundesligatorwarts, der mindestens 10 Spiele absolviert hat, lag im Jahr 2018 bei 6,56 Mio. Euro, der eines Premier League Torwarts bei 14,14 Mio. Euro.


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Vor der Corona Pandemie haben sich diese Werte auf 8,28 Mio. Euro und 22,36 Mio. Euro gesteigert. In beiden Ligen sind die Torhüter also teurer geworden, aber, während der Anstieg in der Bundesliga nur 26% betrug, ist er in der Premier League mit 58% mehr als doppelt so hoch.

Man könnte auf die Vermutung kommen, dass die Premier League insgesamt einen höheren Marktwerteanstieg verzeichnen konnte als die Bundesliga.

Diese Vermutung trifft auch zu, aber der Unterschied des allgemeinen Anstiegs ist nicht annährend so frappierend, wie der bei den Torhütern. Die Marktwerte aller Premier League Spieler sind von 2018 zu 2020 um 68% angestiegen; die der Bundesligaspieler um 63%.

Die Bundesliga ist also wesentlich teurer geworden, aber gerade auf der Torhüterposition nur geringfügig. Die insgesamt positive Entwicklung der Liga wirkt scheinbar nicht auf die Schlussmänner.

Die Gründe für das schwache Abschneiden der Bundesliga-Torhüter

Auffällig ist, dass seit 2018 drei statistisch gute Bundesliga-Torhüter von der Startelf in Deutschlands Oberhaus in die zweite Liga oder auf eine Bank in der Bundesliga gewechselt sind. Namentlich Sven Ulreich (+2,8), Marwin Hitz (+4,9) und Ron-Robert Zieler (+8,8).

Außerdem leiden einige gestandene Stammtorhüter diese Saison unter einem extremen Formtief. Besonders schlimm ist dieses bei Timo Horn (-9,7) und Jiri Pavlenka (-12,2).

Aber auch Roman Bürki (-4,2) und Kevin Trapp (-4,7), die vielleicht gar nicht so formschwach wirken, zeigen auf der Linie keine herausragenden Leistungen.


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Hinzukommt mit Tomas Koubek (-7,5) ein Neuzugang, der den Schnitt weiter nach unten zieht. Besonders pikant bei Koubek ist, dass er letzte Saison bei Rennes schon genau den gleichen Wert aufwies, dies hielt die Augsburger aber nicht davon ab, stattliche 7,5 Mio. Euro für den Tschechen zu bezahlen.

Fairerweise muss erwähnt werden, dass sein Wert in der Saison davor noch bei +6,3 lag.

Neben diesen negativen Ausreißern existieren natürlich auch welche in die andere Richtung, jedoch nicht annährend so viele. Yann Sommer ist diese Saison (+7,9) der mit Abstand Beste.

Nach ihm folgt eine große Lücke zu Peter Gulácsi (+2,7) auf Rang zwei. Die darauffolgenden Lukas Hrádecký, Manuel Neuer, Alexander Nübel und Alexander Schwolow liegen alle zwischen 0 und +2. An diesen Werten ist gut zu erkennen, dass die Statistik wenig über die Gesamtleistung eines Torwarts aussagt.

Bis auf Alexander Nübel spielen die genannten Torhüter alle eine gute bis sehr gute Saison. Neben ihren guten Leistungen auf der Linie, die auch in der Statistik erkennbar sind, geben sie ihrem Team defensive Stabilität durch gute Strafraumbeherrschung und helfen beim Spielaufbau durch sauberes Passspiel.

Auch durch gutes Herauslaufen oder Abfangen von Pässen können große Chancen verhindert werden, bevor sie für die Statistik relevant werden. All diese Aspekte sind enorm wichtig für ein modernes Torwartspiel, werden von der Statistik aber nicht abgebildet.

Betrachtet man nur die Leistung auf der Linie, verliert die Bundesliga also im Gegensatz zu 2018 gute Torhüter an die Bänke der Top-Vereine, einige etablierte Schlussmänner durchlaufen eine Schwächephase und auch der teuerste Neuzugang auf der Position performt nicht.

Zudem gibt es wenige Torhüter, die herausragende Leistungen zeigen und damit die niedrigen Werte ausgleichen. Diese Zahlen sollten den Verantwortlichen einiger Bundesligavereine zu denken geben. In Zeiten von Corona ist das Geld zwar knapp, aber neue Spieler müssen trotzdem verpflichtet werden.

In Augsburg sieht man, was für einen großen Einfluss Unsicherheit auf der Torwartposition für die Mannschaft haben kann.

Es kann zwar niemand vorhersagen, wie ein Spieler für einen neuen Verein performen wird, aber der PSxG-GC-Wert bietet zumindest einen Anhaltspunkt.

Wer die Verpflichtung seines Torhüters gut evaluiert, kann vielleicht einen Coup landen, wie Mönchen Gladbach mit Yann Sommer (17/18: +1,4 | 18/19: +8,0 | 19/20: +7,6). Damit das Land der guten Torhüter bald auch wieder eine Liga mit guten Torhütern hat.


Dies war ein Gastbeitrag von Moritz Löhn


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Moritz Löhn
Moritz Löhn
Guckt am liebsten alleine Fußball. Stellt ungern Behauptungen über Fußball auf, ohne diese statistisch zu belegen. Außerdem großer Fan von: Call me by your Name, Heute Journal, Der Medicus, Apex Legends und Mio Mio Mate.

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3 comments

  1. Ich verstehe die Rechnung nicht.
    Koubek zum Beispiel hat einen PSxG-GC-Wert von -7.5 im Durchschnitt.
    Die Rechnung ist PSxG-GC für Post-Shot-expected-Goals minus Goals Conceeded.

    Also beim Fall Koubek:
    PSxG – GC = -7.5

    Weil PSxG aber ja nicht negativ sein kann, heißt dass, dass die Anzahl der Gegentore von Koubek im Durchschnitt = 7.5 sein muss, und das auch nur wenn PSxG = 0 ist. Es wäre sogar wahrscheinlicher, dass PSxG = 2,x ist, was bedeuten würde, dass Koubek im Schnitt 9.x Gegentore fängt.

    Koubek war sicher nicht der beste Torwart, aber der hat doch im Schnitt keine 7-9 Gegentore kassiert.

    Irgendwo muss ich diese Rechnung völlig missverstanden haben oder ich habe einen dämlichen Denkfehler.

    • Der PSxG-GC ist kein Durchschnittswert. Es ist ein absoluter Wert. Beispiel: Ein Torwart hat einen PSxG in einem Spiel von 2,5. Er fängt aber 5 Tore. Dann rechnet man 2,5 minus 5 und das ergibt einen PSxG-GC von -2,5. Koubek hatte am Ende der Saison einen PSxG von 45. Zieht man davon seine 51 gefangenen Tore ab, kommt man auf einen PSxG von -6 für die Saison. Im Durchschnitt liegt er bei einem PSxG-GC pro 90 Minuten von -0,25.

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