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Emiliano Martínez und das Gefühl gebraucht zu werden

Die zweitmeisten Zu-Null-Spiele in der Premier League? Emiliano Martínez und Aston Villa. Die zweitbeste Abwehrrate der Premier League? Emiliano Martínez. Statistisch gesehen die meisten Gegentore in der Premier League verhindert? Emiliano Martínez.

Auch wenn es sich hierbei nicht um den Filmklassiker „Per Anhalter durch die Galaxis“ handelt, führt die Antwort auf viele (Torwart-)Fragen in der höchsten britischen Spielklasse auf den argentinischen Schlussmann von Aston Villa.

Dieser war über Jahre hinweg der ewige Bankwärmer und Leihspieler des FC Arsenal und galt bestenfalls als Zweitliga-Keeper. Im Sommer 2020 explodierte seine Form jedoch förmlich und Damián Emiliano Martínez gehört seitdem zu den besten Torhütern auf der Insel.

 

Emiliano Martínez: Entgegen dem Willen der Familie nach Europa

Was beim Karriereweg des Argentiniers sofort auffällt und gleichzeitig über viele Jahre hinweg vergessen worden ist: Martínez war ein Arsenal-Urgestein. Bereits 2010 schloss er sich mit gerade einmal 17 Jahren den Gunners an.

Bis dato hütete er in der Jugendabteilung des Club Atlético Independiente das Tor, dem legendären Verein aus einem Vorort von Buenos Aires, der unter anderem Diego Forlán und Sergio Agüero hervorbrachte.

In Mar del Plata südöstlich von Buenos Aires unter finanziell schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, wagte der junge Argentinier vor gut elf Jahren den großen Schritt nach Europa. Dabei waren seine Mutter und sein Bruder keineswegs von diesem Wechsel begeistert.


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Sein Vater tat sich schwer damit die die Miete aufzubringen und darüber hinaus noch das Benzin zu bezahlen, um seinen Sohn im gut 200 Kilometer entfernten Buenos Aires zu besuchen.

Martínez konnte zu diesem Zeitpunkt freilich noch kein Englisch und war im Begriff noch vor seinem ersten Profispiel in der Heimat auf einen gänzlich anderen Kontinent zu wechseln. Für seine Familie wollte er „tapfer sein und ihnen auch finanziell unter die Arme greifen“, wie er im letzten Jahr im Interview mit dem Guardian erzählte.

In London war Martínez oft allein und fand nur schwer Anschluss. Die ersten beiden Jahre durchlief er bei den Gunners die Nachwuchsabteilung und sollte erst 2012 allmählich zur ersten Mannschaft stoßen.

 

Jahrelang in Wartestellung

Die Torhütersituation bei Arsenal London war in den 2010er Jahren eigentlich absurd. Auch wenn Emiliano Martínez direkt nach seinem Wechsel noch kein ernsthafter Kandidat für die erste Mannschaft war, war die Konkurrenz auf seiner Position enorm.

Neben den beiden jungen aufstrebenden Keepern Wojciech Szczęsny und Łukasz Fabiański, hüteten auch Manuel Almunia und Jens Lehmann in der Saison 2010/11 das Tor bei den Nordlondonern.

Tatsächlich sollte der Südamerikaner trotzdem bereits im September 2012 sein Debüt für die Gunners feiern. In der 3. Runde des EFL Cups verlief sein Arbeitstag beim 6:1 gegen Coventry relativ ruhig. Erst im Achtelfinale gegen Reading sollte der Argentinier erstmals im Blickpunkt stehen.

Beim verrückten 5:7 gegen den Zweitligisten sah Martínez nicht immer sicher aus und hinterließ alles in allem keinen guten Eindruck. Erst 2014 sollte er sein nächstes Spiel für Arsenal absolvieren dürfen.


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In der Gruppenphase der Champions League trafen die Gunners auf Anderlecht. Martínez Vater flog extra von Argentinien nach Belgien, um seinen Sohn in der Königsklasse debütieren zu sehen. 28 Stunden sei er unterwegs gewesen und habe die gesamten 95 Minuten über Tränen in den Augen gehabt.

Von einem Durchbruch konnte aber keineswegs die Rede sein. Der Argentinier war nach wie vor sehr weit davon entfernt, gesetzt zu sein. Viel mehr musste er darum kämpfen an Spieltagen überhaupt im Kader zu stehen.

Mittlerweile war David Ospina die Nummer Eins und Szczesny Nummer Zwei. Im Sommer 2015 wechselte mit Petr Čech ein weiterer Konkurrent in den Norden Londons, ehe Bernd Leno 2018 dazu stoßen sollte.

Für Martínez ging es daher immer wieder per Leihe zu anderen Vereinen, um Spielpraxis zu sammeln. Um es vorwegzunehmen: Bei keiner seiner Leihstationen gelang ihm in dieser Phase wirklich der Durchbruch. Immerhin haben einige wenige Wolves-Anhänger ihn für seine vielversprechenden Ansätze in der Hinrunde 2015/16 in guter Erinnerung behalten.

Auch bei Getafe und Sheffield musste Emiliano Martínez um seine Einsätze kämpfen. Bis dato war die einzige erfolgreiche Leihe jene zu Rotherham gewesen, die er aufgrund seiner tollen Paraden im Frühjahr 2015 in der Championship halten konnte.

 

Das Gefühl gebraucht zu werden

Der Argentinier war in seinen zehn Jahren beim FC Arsenal oft nur zweiter, dritter oder gar vierter Torwart und absolvierte bis zur Verletzung Bernd Lenos im Juni 2020 nur 26 Pflichtspiele für die Hauptstädter.

Was führte also dazu, dass Emiliano Martínez bei Aston Villa mittlerweile einer der besten Torhüter der Premier League ist und auch bei den Londonern zuletzt herausragende Leistungen zeigte?

Um es ganz platt auszudrücken: Vertrauen. Die Position des Torhüters ist wie kaum eine zweite abhängig von einem Grundvertrauen zwischen Trainer, Torhüter und letztlich auch dem Rest der Mannschaft. Auch wenn Martínez gemeinhin als vorbildlicher Sportler mit hohem Arbeitsethos und starker Psyche gilt, sollte dieser Punkt auch bei ihm nicht unterschätzt werden.

Bei seinen Leihstationen in Rotherham und Reading, wohin er im Frühjahr 2019 ausgeliehen war, konnte der Argentinier überzeugen, weil er als klare Nummer Eins galt und ihm Vertrauen entgegengebracht wurde.

In Wolverhampton duellierte er sich mit Carl Ikeme um den Platz zwischen den Pfosten, wurde letztlich aber durch eine Verletzung ausgebremst. Bei Getafe galt Vicente Guaita als gesetzt und Martínez war ohnehin nur als Nummer Zwei eingeplant.

Im Sommer 2020 hatte Trainer Mikel Arteta keine andere Wahl, als auf den Argentinier zu bauen, als die Saison für Bernd Leno nach der Verletzung im Spiel gegen Brighton & Hove Albion gelaufen war.

Diese Rückendeckung zahlte er mit sehr guten Leistungen im Saisonendspurt zurück, die im FA-Cup-Finale gipfeln sollten. Gegen Chelsea spielte er fehlerlos und konnte mit dem Pokalsieg einen Schlusspunkt hinter eine bewegte Karriere bei Arsenal London setzen, die von vielen Höhen und Tiefen geprägt war.

Nach Abpfiff sprach er unter Tränen mit den Journalisten und kontaktierte seine Eltern via Facetime. Er habe ihnen alles zu verdanken und sie seien der Grund dafür, dass er sich FA-Cup-Sieger nennen darf.

 

Emiliano Martínez bei Aston Villa: Wie Arsch auf Eimer

Dass Arsenal seinen langjährigen Schützling abgegeben hat, war durchaus vertretbar. Gleichzeitig sollte man sich aber auch vor Augen führen, dass Martínez immerhin der dienstälteste Gunner war, als er den Verein verließ.

Mit Bernd Leno haben die Londoner aber einen ebenso fähigen Schlussmann, der für viele noch eine Spur besser ist und dies auch seit einigen Jahren zeigt.

Für den Argentinier war der Schritt nach Birmingham ebenfalls sinnvoll. Hier ist er die unumstrittene Nummer Eins und kann seine Stärken im (weiträumigen) Passspiel und vor allem auf der Linie perfekt in Szene setzen.

Der 28-Jährige konnte seinen Kasten bereits 13 Mal sauber halten. Das liegt in Teilen auch an seinen Vorderleuten und der Spielweise der Villans in dieser Saison, doch die „underlying stats“ zeigen, dass der Anteil von Martínez daran nicht gerade gering ist.

Laut fbref.com vereitelte kein Torhüter in dieser Saison so viele Tore wie der Villa-Keeper. Statistisch gesehen verhinderte er unglaubliche 7,2 Gegentore. Im Schnitt würde sein Team also 0,3 Gegentore pro Spiel mehr kassieren, wenn er nicht zwischen den Pfosten stünde.

Auch wenn Statistiken in diesem Bereich nicht alles sind, untermalen sie, welch guter Shot-Stopper der Keeper ist. Seine Explosivität, seine gute Hand-Augen-Koordination und die Fähigkeit, Bälle zu sichern machen ihn zu einem sehr starken Torhüter auf der Linie.

Das ist letztlich auch die Kernkompetenz von Torhütern, egal wie modern oder passlastig der Fußball auch wird. Martínez ist aber keineswegs schwach am Ball. Seine Flugbälle sowie Abwürfe sind äußerst zielgenau, er kann eine Passquote von 86% vorweisen.

Wenige Monate vor der Copa América hat der Aston-Villa-Profi gute Karten, im Sommer 2021 als Nummer Eins in das Turnier zu starten. Mit 28 Jahren wartet er in der nicht gerade mit Weltklasse-Keepern gesegneten Albiceleste allerdings noch immer auf seinen ersten Einsatz.

Aber mal ehrlich: Wem würde man es nach dieser Saison am ehesten zutrauen, sofort mit so einer Situation umzugehen? Einmal mehr würde die Antwort Emiliano Martínez lauten.

Titelbild © Getty Images


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Sascha
Hat genauso eine Daseinsberechtigung wie Torrichter während der Champions League Spiele. Passionierter Schachtelsatzschreiber. Gilt intern nicht umsonst als L’Akquisiteur – wenn nicht da, dann zumindest bei sich selbst. Man soll sich immerhin treu bleiben wie Javier Pinola den Überresten seiner Haare. Glaubt noch immer, dass in Enes Ünal ein Weltklassestürmer schlummert, den aber nicht einmal Houdini hervorzaubern könnte. Einziges Vorbild von Max Dettmer.

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