Stolze 517 Tage hatte sich der Kader der Tottenham Hotspur nicht verändert bis mit dem Rekordeinkauf Tanguy Ndombele frisches Blut in die Mannschaft floss.

Es war, abgesehen von Leihen und Rückleihen, der erste Transfer seit Lucas Moura im Januar 2018 von Paris St. Germain geholt wurde. Zum Vergleich: Die Konkurrenten Liverpool und Manchester City gaben in diesem Zeitraum jeweils über 100 Millionen Euro für neue Spieler aus.

Noch erstaunlicher ist diese Zurückhaltung auf dem überhitzten Spielermarkt angesichts der Tatsache, dass die Spurs stolze neun Spieler bis zum Ende der WM 2018 in Russland abgestellt hatten, mehr als jedes andere Team.

Gegen alle Erwartungen war die abgelaufene Saison 2018/2019 aber eine der erfolgreichsten in der jüngeren Geschichte der Nordlondoner.

Trotz der enormen Belastung wurde, neben einer erneuten Top-Vier Platzierung und der damit verbundenen Qualifikation für die Champions League, das Finale dieses Wettbewerbs erreicht, allerdings mit einem weniger glücklichen Ausgang für Tottenham.

Bekanntlich musste sich das Team von Mauricio Pochettino dem FC Liverpool von Jürgen Klopp geschlagen geben, welcher damit seinen ersten internationalen Titel gewann.

Ein Gastbeitrag von Thomas Reichart

Lest auch die anderen Teile unserer Saisonvorschau!

 

Saisonvorschau Tottenham Hotspur:

 
Doch auch wenn der junge Argentinier Pochettino damit weiterhin noch keine versilberten Erfolge (mal abgesehen vom Audi Cup 2019) in seiner Vita stehen hat, gilt er bereits als einer der besten Coaches in England.

Sein Gespür für junge Spieler und die Fähigkeit diese weiterzuentwickeln, lassen sich gut an der Marktwertkurve des Spurs-Kaders seit seiner Amtsübernahme 2014 ausmachen.

Der Mannschaftswert steigerte sich unter der Ägide des Argentiniers nach Schätzungen einschlägiger Experten ungefähr um den Faktor Vier. Unter anderem diese Fähigkeiten sind auch der Grund für das regelmäßig wiederkehrende Interesse noch größerer Fische.

Sowohl Manchester United, das mittlerweile Ole Gunnar Solskjær zum Cheftrainer befördert hat, sowie Real Madrid, das stattdessen Zinedine Zidane zurück holte, blitzen jedoch bei Daniel Levy und dessen legendärem Verhandlungsgeschick ab.

Trotz manch kryptischer Aussagen im Vorfeld des Champions League-Finals ist Pochettino den Lilywhites also erhalten geblieben und sieht das Projekt nach eigener Aussage noch nicht am Ende.

An Ehrgeiz mangelt es Pochettino ebenfalls nicht. Er will Titel gewinnen und kommuniziert dies in Form von Transferwünschen auch offensiv in Richtung Klubführung, wie beispielhaft in Interviews während und nach dem Audi Cup in München zu hören war.

Ebenso wie Stürmerstar Harry Kane, der sich in den Medien durchaus mit Titelambitionen zitieren ließ, möchte Pochettino den letzten Schritt gehen, nachdem man noch nie so nah dran war wie in der vergangenen Saison.
 

Der aktuelle Kader

 
Bei dieser Mission kann er weiterhin auf die wichtigsten Stützen seines Systems zählen, denn der Kern der Mannschaft ist bislang zusammengeblieben.

Die Achse Hugo Lloris, Christian Eriksen und Harry Kane bildet seit einigen Jahren das Rückgrat des Teams. Der Kapitän und Weltmeister Lloris organisiert routiniert seine Abwehr, während Eriksen die Fäden im Mittelfeld zieht und Kane vorne für die Tore sorgt.

Um diese Schlüsselspieler herum wird der Kader, insbesondere die Abwehr, allerdings derzeit umgestaltet.

Die Außenverteidiger, die im Champions League Finale gegen Liverpool von Beginn an auf dem Rasen standen, haben den Verein entweder verlassen oder wurden mehr oder weniger deutlich aufs Abstellgleis geschoben.

Gerade bei Kieran Trippier, einem der Shooting-Stars der WM 2018 kam dies etwas überraschend, denn trotz eines erklärbaren Leistungslochs nach der Weltmeisterschaft, schien sein Potential noch nicht ausgeschöpft.

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Bei Trippiers Gegenpart auf Links, Danny Rose, liegt die Situation etwas anders, war dieser doch in den letzten Jahren immer wieder von Verletzungen gebeutelt und ist zudem ein paar Jahre älter.

Sollte sich ein Abnehmer für den englischen Nationalspieler finden, würde man ihm anscheinend keine Steine in den Weg legen.

Da mit Serge Aurier und Ben Davies zwei weitere Verteidiger verletzungsbedingt pausieren, scheint eine Investition in diesen Mannschaftsteil unvermeidlich.

Offenbar traut Mauricio Pochettino in der Defensive jedoch jungen Spielern wie Kyle Walker-Peters, Juan Foyth oder Anthony Georgiou einiges zu, wobei die bisherigen Testspiele noch keine finalen Schlüsse über deren Leistungsfähigkeit zulassen.

Insbesondere Foyth wusste in der Vorbereitung zu gefallen, als er sich im Testspiel gegen Real Madrid packende Duelle mit Eden Hazard lieferte.

Das Mittelfeld ist mit der Ankunft von Tanguy Ndombele um eine spannende Option erweitert worden. Der für einen Rekordpreis von Olympique Lyon losgeeiste Franzose ist als defensiver Mittelfeldspieler mit gutem Auge für den letzten Pass eine sinnvolle Ergänzung des Kaders.

In den vergangenen beiden Saisons in Frankreich lieferte er die gleiche Anzahl Vorlagen wie der ungleich offensivere Dele Alli.

Im Testspiel gegen Juventus Turin hat Ndombele diese Qualitäten erstmalig unter Beweis gestellt, als ein schöner Steckpass für Lucas Moura zum Tor führte.

Derzeit sind die Hotspur in Sachen Vorlagen zu abhängig von Spielmacher Eriksen, der mit einem Wechsel nach Spanien oder sogar Manchester United kokettiert.

Aufgrund des Abgangs von Trippier, einem weiteren ausgewiesenen Experten für Standardsituationen, zu Atlético Madrid, würde das Team ein Verlust von Eriksen doppelt hart treffen.

Beinahe als einen Neuzugang kann man Erik Lamela betrachten. Der Argentinier, der in den vergangenen Saisons aufgrund von Verletzungen kaum auf signifikante Spielzeit kam, ist einer der Gewinner der Vorbereitung.

Sollte er fit bleiben, sind die Spurs auf den Flügeln mit Heung-Min Son, Lucas Moura oder auch Christian Eriksen durchaus ordentlich besetzt.

Am übersichtlichsten ist die Situation im Sturm, wo Harry Kane, der in der vergangenen Saison relativ häufig verletzt war und mehr als 50 Tage aussetzen musste, noch immer kein Backup bekommen hat.

Im Gegenteil, der Vertrag mit Fernando Llorente wurde nicht verlängert und ein Nachfolger des Spaniers bislang nicht präsentiert.

Stattdessen durfte der 17-jährige Troy Parrot erste Erfahrung im Profibereich sammeln. Hier besteht also noch Handlungsbedarf, wobei das Anforderungsprofil für besagte Position sicher nicht gerade häufig erfüllt wird.

Der Vergleich mit Robert Lewandowski liegt auf der Hand, denn wie der Pole ist auch Kane ein Allesspieler, der ungern pausiert.

Gleichwertiger Ersatz, der freiwillig im nasskalten englischen Winter auf der Ersatzbank friert, wird schwer zu bekommen sein.

Zwar haben einige Spieler im Kader angedeutet, dass sie Kane temporär ersetzen können – man erinnere sich an Lucas Mouras Hattrick im Halbfinale der Champions League gegen Ajax Amsterdam – doch über eine gesamte Saison hinweg gesehen, kommt kein anderer Spieler im Kader an die Quote des Kapitäns der englischen Nationalmannschaft heran.
 

Der neue Tempel

 
Der mit Abstand wichtigste Neuzugang der Spurs wurde jedoch bereits zum Ende der vergangenen Saison präsentiert: das neue Stadion.

Das Tottenham Hotspur Stadium, dessen Bau insgesamt über eine Milliarde Pfund gekostet haben soll, wurde mit einem guten halben Jahr Verspätung im April endlich eingeweiht.

Unbestritten ist die New White Hart Lane, wie der Fußballtempel auch genannt wird, eines der modernsten Stadien in Europa und wahrscheinlich auch eines der faszinierendsten.

Das Stadion mit seinem Hybridspielfeld, auf dem auch American Football Spiele ausgetragen werden können, wird mit großer Wahrscheinlichkeit konstant ausverkauft sein, und damit etliche Pfund in die Kassen zurück spülen.

Geld, das während des Baus Investitionen in den Kader erschwert, wenn nicht sogar auf Eis gelegt, hatten.
 

Ausblick

 
Wie auch immer sich die Spurs an alter neuer Wirkungsstätte schlagen werden, klar ist schon jetzt, dass der Kader derzeit vor allem im Sturm und der Abwehr etwas dünn besetzt ist.

Zwar haben Spieler wie Dele oder auch Son bewiesen, dass sie auch in Kanes Abwesenheit Verantwortung schultern und regelmäßig treffen können, aber ein Stürmer vom Kaliber eines Harry Kane lässt sich nicht Eins-zu-Eins ersetzen.

Auch die Abwehr ist derzeit noch eine Baustelle, auf der noch bis zum Ligastart gearbeitet wird.

Welchen Einfluss Transfers in diesem Mannschaftsteil haben, mussten die Spurs Fans im Ligaduell mit Liverpool schmerzlich erfahren.

Dort wurde Moussa Sissoko von Virgil van Dijk mit geschicktem Stellungsspiel am Ausspielen eines Zwei-gegen-Eins Konters gehindert. Die Bilder des spektakulären Fehlschusses gingen viral.

Trotzdem sollte den Anhängern nicht bange werden. Falls die erwähnten Lücken im Kader geschlossen werden, haben die Spurs auf jeden Fall das Zeug dazu, die Top Vier Platzierungen der letzten Jahre zu bestätigen und den Arsenal-Fans den St. Totteringham‘s Day ein weiteres Jahr vorzuenthalten.

Zwar wird der Titel in der Premier League auch in diesem Jahr höchstwahrscheinlich wieder nur über Manchester City und Liverpool gehen, aber die Chancen die restlichen „Big Six“ Teams Chelsea, Manchester United und auch den Erzrivalen Arsenal hinter sich zu lassen, sind durchaus realistisch.

So musste Chelsea mit Hazard seinen wichtigsten Spieler ziehen lassen und außerdem kann Vereinsikone und Jung-Trainer Frank Lampard die Abramovich Millionen aufgrund einer FIFA-Sperre nicht auf den Transfermarkt werfen.

Bei Manchester United muss der vergleichbar junge Coach Ole Gunnar Solskjær sein Talent erst noch bestätigen.

Zudem halten sich auch hier hartnäckige Wechselgerüchte um den Superstar des Teams, Weltmeister Paul Pogba. Bei Arsenal geht indes der Umbruch unter Unai Emery weiter. Die Mannschaft hat mit Petr Cech, Aaron Ramsey und Stephan Lichtsteiner viel Erfahrung verloren.

Ob Emery die Lücken mit jungen Spielern wie Rekordeinkauf Nicolas Pepe füllen kann, bleibt abzuwarten.

Aus diesen Gründen dürfen Fans der Tottenham Hotspur optimistisch in die kommende Saison gehen und wer weiß, vielleicht war das Erreichen des Finals der Champions League nicht nur ein einmaliger Ausrutscher nach oben, sondern der Beginn eines Zyklus, wie beim Gegner in besagtem Finale.

Ein Gastbeitrag von Thomas Reichart

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