Während beim amtierenden portugiesischen Meister Benfica Lissabon zunehmend die jungen Wilden um Rúben Dias, Alejandro Grimaldo, Jota, Florentino Luís und Gedson Fernandes das Zepter übernehmen, muss deren ewiger Rivale aus Porto einen mittelgroßen Kaderumbruch bewältigen.

Nach den Abgängen von Éder Militão, Felipe, Héctor Herrera, Yacine Brahimi und Óliver Torres, die mit Ausnahme von Letzterem allesamt Stammspieler waren, mussten zahlreiche Schlüsselpositionen im Kader neu besetzt werden.

Dazu gehört auch die Torhüterposition, wo Legende Iker Casillas derzeit aufgrund von Herzproblemen pausiert und eine Rückkehr ungewiss ist.

Porto tätigte im Sommer – den strengen Financial Fairplay-Auflagen zum Trotz – einige interessante Transfers und kann erneut ein spannendes Team mit einer guten Mischung aus Routiniers und Youngsters aufbieten.

Ob man dem Krösus des portugiesischen Fußballs Benfica jedoch den Titel ernsthaft streitig machen kann, ist ungewiss.

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Der Transfer-Sommer

 
Der Kern der letztjährigen Porto-Teams feierte seinen größten Erfolg mit dem lang ersehnten Meistertitel 2018. Der Einzug ins Viertelfinale der Champions League 2019 unterstrich die Rolle des Klubs als einer der besten 1b-Vereine des Kontinents.

Mit den Abgängen zahlreicher ehemaliger Leistungsträger steht aber Mal wieder ein Rebuild ins Haus.

Zugute kam den Entscheidungsträgern sicherlich, dass sich einige Abgänge schon seit geraumer Zeit abgezeichnet hatten.

Insbesondere die von Brahimi, Herrera und Felipe kamen wenig überraschend.

Für den defensivschwachen Flügel Brahimi, der in seiner Zeit in Portugal zu den spektakulärsten Spielern der Liga gehörte, steht mit Shoya Nakajima bereits ein Nachfolger fest.

Der Japaner wurde nach einem wenig erbaulichen Halbjahr in Katar für 12 Millionen € Ablöse verpflichtet (Porto hält jedoch nur 50% der Transferrechte).

Der Transfer gilt als Coup, wurde doch gemutmaßt, dass der linke Mittelfeldspieler durch undurchsichtige Geschäfte an PSG weitergegeben werden könnte.

Nakajima, der bei der diesjährigen Copa América ein Tor für die Samurai Blue erzielte, kann bereits auf eine erfolgreiche Zeit in der Liga NOS zurückblicken.

So erzielte er zwischen 2018 und 2019 in 47 Spielen 15 Tore und 19 Assists für den SC Portimoense. Der Ostasiate dürfte von Anfang an Stammspieler sein.

Gleiches dürfte zunächst auch für Innenverteidiger Iván Marcano gelten. Der Spanier verließ die Nordportugiesen 2018 nach vier Jahren ablösefrei in Richtung AS Rom.

In der Serie A konnte sich der 32-jährige Routinier jedoch nicht durchsetzen und kehrt nun für 3 Millionen € Ablöse an den Rio Douro zurück.

Auf den ersten Blick mag der Transfer verwundern. Marcanos Rückholaktion dürfte aber insbesondere vor dem Hintergrund der schwierigen CL-Quali-Spiele in der 3. Runde gegen den FK Krasnodar erfolgt sein (1:0 Auswärtssieg im Hinspiel; Playoffs gegen Başakşehir/Olympiakos oder LASK/Basel).

Denn neben Altstar Pepe fehlte bis dahin ein erfahrener zweiter Innenverteidiger.

Den beiden Nachwuchshoffnungen Diogo Leite und Diogo Queirós traut man diese Herausforderung noch nicht zu. Queirós soll wohl verliehen werden.

Ebenfalls für die Viererkette wurde der argentinische Nationalspieler Renzo Saravia verpflichtet (5,5 Millionen € Ablöse an Racing Club). Dort soll er als etatmäßiger Rechtsverteidiger zum Einsatz kommen und die Abgänge von Militão und Maxi Pereira (derzeit vereinslos) kompensieren helfen.

Welche Rolle Neuzugang Zé Luís spielen wird ist noch unklar. Der Kap-Verdier kam für 8,5 Millionen € von Spartak Moskau und ist einer von drei zentralen Stürmern, die sich Hoffnungen auf einen festen Platz in der Rotation machen dürfen.

Dazu gehört neben Luís das Sturmduo der vergangenen Saison, bestehend aus Moussa Marega und Tiquinho Soares.

Der nach einem Kreuzbandriss wiedergenesene Vincent Aboubakar scheint hingegen keine Rolle mehr in den Planungen zu spielen und wird immer wieder mit einem Wechsel zu einem der Istanbuler Klubs in Verbindung gebracht.

Die Abteilung Attacke soll auch Luis Díaz (22) verstärken helfen. Der Nationalspieler Kolumbiens, der seine Stärken vor allem im Dribbling und in Kontersituationen entfalten kann, kam von Atlético Junior aus Barranquilla (8,5 Millionen € Ablöse).

Díaz, der den klangvollen Spitznamen El Concejal Lucho hat, dürfte langsam an das Team herangeführt werden und eine der ersten Optionen von der Bank sein.

Für Verblüffung sorgte derweil der Verkauf von Óliver Torres. Der zentrale Mittelfeldspieler, der mit 20 Millionen € Ablöse bis heute Rekordzugang der Dragões ist, wurde für gerade einmal 12 Millionen € an den FC Sevilla abgegeben. Dort trifft Torres auf einen alten Bekannten aus Porto: Trainer Julen Lopetegui.

Gerade vor dem Hintergrund von Herreras Abgang erschien der Verkauf von Torres fahrlässig. Er lässt sich jedoch mit dem schwierigen Stand des Spaniers unter Trainer Sérgio Conceição erklären.

Dieser setzt in der Regel auf ein 4-4-2 mit eher defensiv eingestellten Mittelfeldspielern. So kam es, dass sich Torres in der vergangenen Saison nie in der Startelf etablieren konnte. Nichtsdestotrotz wirft die geringe Ablöse für den gerade einmal 24-Jährigen einige Fragen auf.

Um das, nach dem Wechsel von Torres dünn besetzte Mittelfeld zu verstärken, wurde der kolumbianische Nationalspieler Mateus Uribe unter Vertrag genommen.

Der 28-jährige Achter, der bei der Copa América zu überzeugen wusste, kam Anfang August für 9 Millionen € Ablöse von Club América aus Mexiko.

Uribe dürfte als Stammspieler eingeplant sein und den in der Vorbereitung enttäuschenden Sérgio Oliveira auf die Bank verdrängen.

Oliveira hat eine halbjährige Leihe beim griechischen Meister PAOK Thessaloniki hinter sich und gilt als einer von Conceiçãos Lieblingsschülern (beide arbeiteten schon in Nantes zusammen).

Hinter den zentralen Mittelfeldspielern agiert mit Danilo Pereira einer der besten Sechser des Planeten.

Pereira, der jüngst mit Trainer Conceição aneinandergeraten sein soll, wollte die AS Monaco jüngst für eine Ablöse von 30 Millionen € unter Vertrag nehmen.

Doch Porto wiegelte auch vor dem Hintergrund des Vertrags bis 2022 und der Ausstiegsklausel in Höhe von 60 Millionen € ab und erklärte o comandante für unverkäuflich.

Ebenso wurde einem Wechsel von Alex Telles der Riegel vorgeschoben. Denn genau wie Felipe und Herrera wurde der brasilianische Linksverteidiger immer wieder mit Atlético Madrid in Verbindung gebracht.

Telles hat sich inzwischen mit der Situation arrangiert und zum Verein bekannt, könnte jedoch im kommenden Sommer verkauft werden. Denn der aktuelle Vertrag des einmaligen Nationalspielers Vertrag läuft nur noch bis 2021.

Für die Torhüterposition kam Agustín Marchesín ebenfalls von Club América (7,5 Millionen € Ablöse). Der 31-jährige Argentinier soll Iker Casillas ersetzen, welcher vorerst Teil des Trainerstabs ist.

Gleichzeitig soll der Nationalspieler ein Eigengewächs anleiten, das für die langfristige Nachfolge von Casillas vorgesehen ist.

Die Rede ist vom 19-jährigen Diogo Costa, der schon Teil unserer Cavanis Friseur 110 Talente-Serie war.

Die vergleichsweise kostspielige Verpflichtung Marchesíns zeigt, dass Porto den ungeschliffenen Diamanten behutsam aufbauen will. Doch der gebürtige Schweizer Costa ist nicht der einzige talentierte Youngster im Kader.
 

Eine neue Generation schickt sich an

 
Insbesondere auf Romário Baró (19), Fábio Silva (17) und Tomás Esteves (17) werden große Stücke gehalten. Die drei waren genau wie Costa Stammspieler der U19, welche die letztjährige UEFA Youth League gewinnen konnte. Ebenso kamen alle drei in der Vorbereitung zum Einsatz und konnten dort Akzente setzen.

Baró, der wie Danilo Pereira aus Guinea-Bissau stammt, ist ein offensivorientierter, spielstarker Achter, der auch die Physis fürs defensive Mittelfeld mitbringt.

Silva indes ist ein technisch versierter und antrittsstarker Stoßstürmer, der aufgrund seiner Größe und Spielintelligenz von 1,85 m als Wandspieler funktionieren könnte. In der vergangenen Youth League Saison kam er in neun Spielen auf neun Scorerpunkte (5 Tore, 4 Assists).

Esteves hingegen ist ein äußerst offensivfreudiger Rechtsverteidiger.

Baró, Silva und Esteves wirken ihrem Alter weit voraus und dürften früher oder später wichtige Stützen des Profikaders werden. Wenn auch wohl noch nicht in diesem Jahr.

Eins steht jedoch fest. Die Zukunft des FC Porto liegt in guten Händen.
 

So könnten sie spielen

 
Wie bereits angedeutet setzt Conceição vorzugsweise auf ein 4-4-2 System mit einer Doppelsechs und zwei weiteren periphären Mittelfeldspielern. In knapp 60% der Spielzeit kam diese Formation in der letzten Saison zum Tragen.

Das Team zeichnet sich durch aggressives aber stets überlegtes Pressing aus. Hält der Gegner den Ball im eigenen Drittel, dann bilden die zwei Stürmer, die zwei Flügelspieler und Danilo Pereira einen Fünf-Mann-Pressing-Block, der Bälle ins gegnerische Mittelfeld abschneiden soll.

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Ist der Ball zurückerobert, wird er oft für längere Phasen gehalten und zirkuliert geduldig durch die eigenen Reihen (im Schnitt 57% Ballbesitz).

Hierbei setzen die Nordportugiesen vor allem auf flache Kurzpässe, um nach Lücken in der gegnerischen Aufstellung zu suchen (82% aller Pässe sind Kurzpässe).

Beim Aufbau der Offensive ist es Portos Ziel, die Flanken mit den angriffslustigen Außenverteidigern zu überladen und so Überzahlsituationen und daraus resultierende einfache Passoptionen zu generieren.

So wird insbesondere die linke Seite genutzt, auf der mit Alex Telles einer der weltweit besten Linksverteidiger operiert. Auch Marega lässt sich als Halb- oder Außenstürmer gerne auf diese Flanke zurückfallen. Deshalb verwundert es auch nicht, dass die linke, Portos effizienteste Angriffsseite (12%) ist.

Der technisch versierte Nakajima dürfte sich bestens in diesen Offensivplan einfügen.

In der Verteidigung kommt Danilo Pereira eine Schlüsselrolle zu. Portos Nummer 22 ist ein enorm zweikampfstarker Enforcer, der häufig direkt vor der Innenverteidigung eingesetzt wird und dort als frei agierender Schutzwall vor der oft sehr hoch stehenden Viererkette agiert.

In dieser Rolle muss der ausdauernde Europameister von 2016 große Entfernungen zurücklegen.

Pereira ist sicherlich der Spieler, der am schwersten zu ersetzen wäre. Porto täte also gut daran, Angebote kategorisch abzulehnen.

Die neu formierte Viererkette ist sicherlich erst einmal einer der schwächeren Mannschaftsteile.

Conceição setzt in der Rückabsicherung auf die Bildung eines eng gestaffelten Blocks bestehend aus den zwei Innenverteidigern und der Doppelsechs. So können Flachpässe durch die Mitte wirkungsvoll unterbunden werden.

Doch nur mit guter Feinabstimmung und Spielintelligenz können hohe Pässe über die Abwehr unterbunden werden. Hier könnte es gerade in den ersten Wochen einige Probleme in der neu aufgestellten Innenverteidigung geben.

Aber auch qualitativ hat man in der Viererkette schlicht an Qualität verloren.
 

Darum ist Portos Team interessant

 
Das Team aus der Portweinhauptstadt kann wie so oft einen interessant gemischten Kader aufbieten.

Mit Nakajima, Díaz, Saravia, Zé Luís, Marchesín und Uribe hat man wenig bekannte Spieler aus kaum beachteten Ligen verpflichtet, welche aber gleich Schlüsselpositionen bekleiden sollen und zum Teil in große Fußstapfen treten müssen.

Doch kaum ein anderer Verein hat in der Vergangenheit einen vergleichbaren Erfolg bei der Entwicklung von ungeschliffenen Diamanten gehabt.

Insbesondere bei Brasilianern und Kolumbianern bewies man ein goldenes Händchen. Vielleicht ist das ja ein gutes Omen für Luis Díaz und Mateus Uribe.

Zudem wird ein hochtalentierter Nachwuchs langsam aber sicher an die Profimannschaft herangeführt. Vor allem Diogo Leite kann sich in dieser Spielzeit berechtigte Hoffnungen auf einen festen Platz in der Rotation machen.

Mit Alex Telles, Danilo Pereira und Moussa Marega stehen darüber hinaus Spieler im Kader, die auch bei größeren Klubs prominente Rollen spielen könnten.

Nichtsdestotrotz steht den Azuis e brancos kein leichtes Jahr bevor. Dauerrivale Benfica verfügt über eines der talentiertesten Teams der letzten Jahre und geht als Favorit ins Meisterschaftsrennen. Und auch eine Wiederholung des CL-Viertelfinaleinzugs scheint derzeit eher unwahrscheinlich.

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Amadeus Marzai
Written by Amadeus Marzai
Die-Hard Fan von La Celeste, Edinson Cavani und den Toronto Raptors. Schaut auch gerne mal über den europäischen Fussball-Tellerrand hinaus.